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Jahrbuch

für

sexuelle Zwischenstufen

III. Jahrgang.

Der Berliner Sopransänger W. W.

(Nach eioer Photographie).'

Jahrbuch

für

sexuelle Zwischenstufen

mit besonderer Berüeksiehtlgrung: der

Homosexualität.

Herausgegeben

unter Mit^vi^kung namhafter Autoren

im Namen des

wissensehaftlieh-humanitären Comltöes

von

Dr. med. Magnus Hirschfeld,

prakt. Arzt in Charlottenburg.

III. Jahrgang.

Leipzig,

Verlag von Max Spohr. 1901.

•'

V -, .

Inhalts- Verzeichnis.

Neue Studien auf dem Gebiete der Homosexualität. Von

R. von Krafft-Ebing, Wien 1

1. Zum Verständnis der konträren Sexualempfindung 1

2. Ueber tardive Homosexualität .... 7

3. Zur weiblichen Homosexualität .... 20 Sind sexuelle Zwischenstufen zur Ehe geeignet? Von

Dr. M. Hirschfeld-Charlottenburg .... 37 Uranismus oder Päderastie und Tribadie bei den Natur-

Völkern. Von Dr. F. Karsch, Privatdozent, Berlin 72

Abgrenzung der Begriffe Päderastie und Tribadie 75 Abgrenzung des Begriffes Naturvölker Tribadie bei den Natuvölkern

I. Die negerartigen Naturvölker IL Die malayischen Naturvölker in. Die amerikanischen Naturvölker IV. Die Arktiker oder Hyperboreer Päderastie bei den Naturvölkern .

I. Die negerartigen Naturvölker

II. Die malayischen Naturvölker

III. Die amerikanischen Naturvölker oder Indianer 112

IV. Die Arktiker oder Hyperboreer . 158

Schlusswort 175

Literatur 182

H. C. Andersen. Beweis seiner Homosexualität von

Alb. Hansen, Kopenhagen . . * . . 203

Elagabal. Charakterstudie aus der römischen Kaiserzeit

von Ludwig von Scheffler, Weimar ... 231

Oskar Wilde. Ein Bericht von Dr jur. Numa Prätorius 265

82 85 85 88

oder Indianer 88

89

89

89

105

- Viil -

Oskar Wilde's „Dorian Gray." Von Johannes Qaulke. 2ti Die Wahrheit über mich. Selbstbiographie einer

Konträrsexuellen 292

Wie ich es sehe. Von Frau M. F. .308

Vom Weibmann auf der Bühne. Eine Studie v. D r. m e d. W. S. 313 Die Bibliographie der Homosexualität für das Jahr 1900,

sowie Nachtrag zu der Bibliographie des ersten und

zweiten Jahrbuches. Von Dr. jur. Numa Prätorius. 326 Der Prozess von Georges Eekhoud wegen seines Romanes

„Escal-Vigor« 520

Zeitungsausschnitte 526

Jahresbericht 1900 598

Zeichner von Jahresbeiträgen 610

4. Abrechnung bis 31. Dezember 1900 .611

Verzeichnis der Abbildungen.

Berliner Sopransänger W. W Titelblatt

Ein Ehepaar 64

Beschäftigung der Hermaphroditen in Florida . . .116

Der Dichter H. C. Andersen 202

Büste Elagabals 232

Oskar WUde 266

Murray Hall, man-woman 584

Neue Studien auf dem Gebiete der Homosexualität

i ' ' '

von.

R. von Kpaflft-Ebingr (Wien).

1.

Zum Verständnis der konträren Sexualempfindung.

Als die medizinische Wissenschaft begann, sich ernst- lich mit konträrer Sexualität, als einer Perversion des ge- schlechtlichen Fühlen» zu beschäftigiBn und sie von bioser Perversität (d. h. bei mangelndem Geschlechtsgeftihl Personen des eigenen Geschlechts gegenüber erfolgende sexuelle Akte an solchen, aus seiner Ziele und Zweckp noch unklarem geschlechtlichem Drang im Stadium eines noch nicht differenzierten Geschlechtsgefühls bei jungen Leuten, aus Eigennutz bei männlichen Hetären, aus sexualem Kitzel bei verkommenen Wüstlingen, aus über- grosser Libido bei hypersexualen sonst normalen Menschen faute de mieux) zu unterscheiden, da erschien die homo- isexuale Perversion selbst dem ärztlichen Forscher als eine solche Monstrosität, dass er sie als eine psychopathische Erscheinung auffassen zu müssen glaubte.

Casper (Klinische Novellen 1863) hatte sich darauf beschränkt zu erklären, dass es sich -hier um einen , wunder- baren dunklen unerklärlichen angeborenen Drangt handle.

Jahrbuch III. \

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Westphal (Archiv für Psychiatrie II), der die Anomalie ebenfalls als eine angeborene erklärte, wobei aber der Träger derselben das Bewusstsein ihrer Krankhaftigkeit besitze, liess es unentschieden, ob sie Symptom eines neuro- oder eines psychopathischen Zustandes sei oder als isolierte Erscheinung vorkommen könne.

Die folgende wissenschaftliche Forschung hat für alle diese von Westphal vorgesehenen Möglichkeiten Be- lege beigebracht, ist aber immer deutlicher zur Erkennt- nis vorgedrungen, dass die konträre Sexualempfindung an und für sich keine Krankheit, sondern nur eine Anomalie bedeutet und dass eventuell zugleich mit ihr vorfindliche Neuro- und Psychopathien aus gleicher Quelle (Belastung meist hereditäre) entstammende oder auch direkt oder in- direkt, psychisch oder körperlich durch die konträre Sexualempfindung vermittelte neurotische oder psychische Krankheitszustände sind. Damit nähert sich die wissen- schaftliche Erkenntnis dem Standpunkt der konträr Sexualen selbst, die nicht müde wurden, im Gegensatz zu den Anschauungen der Forscher zu betonen, dass ihre eigenartige Geschlechteempfindung zwar im Widerspruch mit der der übergrossen Majorität ihrer Geschlechts- genossen sei und den Zwecken der Natur nicht ent- sprechend, gleichwohl in ihrem Bewusstsein als eine adaequate, natürliche und damit berechtigte sich ihnen darstelle.

Ulrichs u. A. gingen sogar soweit, die staatliche und soziale Anerkennung der urnischen Liebe aus solchen Gründen zu verlangen, selbst mit der Konsequenz einer „Ehe" unter Homosexualen. Ein schlagenderer Beweis für die Tiefe und Lauterkeit einer solchen Geschlechts- empfindung seitens zahlreicher ernst zu nehmender Mit- bürger, die sich als Märtyrer ihrer Organisation und ge- sellschaftlicher Zustände fühlen, könnte nicht erbracht werden. Als Correlat steht die Thatsache da, dass die

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3

meisten derselben Horror vor Personen des anderen Ge- schlechtes empfinden und zu sexualen Akten nur mit solchen des eigenen fähig sind. Was der § 175 verpönt, erscheint ihnen geradezu natürlich und sittlich, was er zulässt, widernatürlich und unstatthaft! Nach mannig- fachen Irrtümern über Wesen und Bedeutung der k. S. auf Grund einseitiger psychologischer Auffassungen hat sich wissenschaftlich die Ueberzeugung herausgebildet, dass nur entwicklungsgeschichtliche, anthropologische, bio- logische Thatsachen hier den Weg des Verständnisses erschliessen können. Man hat sich davon überzeugt, dass die k. 8. die Verletzung eines empirischen Naturgesetzes darstellt, nach welchem die Geschlechtlichkeit eine mono- sexuale ist und die psychische Artung des Geschlechts- lebens (Gefühl, Trieb) conform der Art und Entwicklung der Anlage der Keimdrüsen sich vollzieht, sodass der Mann nach erreichter Geschlechtsreife ausschliesslich vom Weibe, dieses vom Manne sinnlich sich angezogen fühlt. Dasselbe gilt für die körperlichen Geschlechts- charaktere, die sich dem Typus des männlichen resp. des weiblichen Körpers entsprechend herausgestalten, je nach- dem Hoden oder Ovarien sich aus der embryonalen bi- sexuellen Anlage entwickelt haben. Unter dem Einfluss noch recht dunkler Störungen, welche die empirisch ge- setzliche Entwickelung aus der foetalen Existenz eines Wesens zur monosexualen und der Keimdrüse kongruenten geschlechtlichen Persönlichkeit erfährt, kann es nun ge- schehen, dass die bisexuelle Anlage sich behauptet und doppelseitig sich entwickelt, wobei aber regelmässig die der Keimdrüse konträre (cerebrale) psychische Anlage mehr ausgebildet ist als die homologe (psych. Herma- phrodisie) oder dass gar die vermöge der Keimanlage zur Entwicklung praedestinierte untergeht und statt ihrer sich die psychischen (Geschlechtsgefühl, Geschlechtstrieb^ Charakter etc.) und eventuell auch körperlichen gegen-

1*

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sätzlichen Geschlechtscharaktere entwickeln und behaupten (konträre Sexualempfindung).

Die begreifliche Folge ist dann die, dass in solchem Fall ein vermöge seiner primären Geschlechtscharaktere (Hoden, Genitalien) als Mann anzusprechendes Individuum leibliches Geschlechtsgefühl und damit ausschliesslich Inclination zu sexuellem Umgang mit Personen des eigenen Geschlechtes hat und umgekehrt Weiber (Scheinweiber, weil sie männliches Geschlechtsgefühl haben und von den psychischen und körperlichen Geschlechtscharakteren des Weibes angezogen werden) zu Weibern.

Es ergeben sich innerhalb dieser anormalen Artung Nuancen, Gradstufen, insofern blos das konträre Ge- schlechtsgefühl entwickelt ist (Homosexualität) oder alle psychischen Geschlechtscharaktere konträr geartet sind (Effeminatio Mann, Viraginität Weib) oder daran sogar die körperlichen Geschlechtscharaktere beteiligt sind (Androgynie Mann; Gynandrie Weib).

Mit dieser Erkenntnis nähert sich die wissenschaft- liche Auffassung des Problems den Anschauungen, welche Ulrichs u. A., selbst Effeminierter, s. Zeit dem Wesen des Uranismus entgegenbrachte, indem er von einer ^Anima muliebris in corpore virili inclusa** allen Ernstes sprach. Als Laie vermochte er sein weibliches Empfinden nicht anders zu deuten. Hätte er erklärt, dass das Geschlechts- gefühl, überhaupt das ganze Empfinden des Mannes (als Scheinmann, re vera Weib) weiblich sein könne und da- durch Personen des eigenen Geschlechtes zugewendet, so wäre man eher zu einem gegenseitigen Verständnis ge- langt und hätte die Schriften Ulrich's gelesen, die als Anschauungen, Erfahrungen, Gefühle eines Weibmannes, dazu eines gebildeten und wahrheitsliebenden, für die Forschung auf diesem Gebiet nicht gering veranschlagt werden dürfen.

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Der ErkeDntnis gegenüber,- dass die k. S. eine ein- geborene Anomalie, eine Störung in der Evolution des Geschlechtslebens qua monosexualer und der Artung der Geschlechtsdrüsen congruenter seelisch-körperlicher Ent- wickelung darstellt, lässt sich der Begriff der , Krank- heit" nicht festhalten. Viel eher kann man hier von einer Missbildung sprechen und die Anomalie mit körper- lichen Missbildungen, z. B, anatomischen Abweichungen vom Bildungstypus in Parallele stellen. Damit ist aber der Annahme einer gleichzeitigen Psychopathie nichts praejudiziert, denn Personen, welche derartige anatomische und auch funktionelle Abweichungen vom Typus (Stig- mata degenerationis) darbieten, können zeitlebens psychisch gesund bleiben, ja selbst überwertig sein. Immerhin wird ein so schwerwiegendes Ausderartschlagen, wie die ver- kehrte Geschlechtsempfindung, eine viel grössere Be- deutung für die Psyche haben, als so manche anderweitige anatomische oder funktionelle Entartungserscheinung. So erklärt es sich wohl, dass die Störung in der Entwick- lung eines normalen Geschlechtslebens öfters der Ent- stehung eines . bestimmten und festen Charakters, der Entwicklung einer harmonischen psychischen Persönlich- keit abträglich werden kann.

Nicht selten stösst man bei konträr Sexualen auf neuropathische und psychopathische Veranlagungen, so z. B, auf konstitutionelle Neurasthenien und Hysterien, auf mildere Formen periodischer Psychose, auf Entwicklungs- hemmungen psychischer Energien (Intelligenz, moralischer Sinn) unter welchen besonders die ethische Minderwertig- keit, namentlich wenn zugleich Hypersexualität vorhanden ist, zu den schwersten Verirrungen des Geschlechtstriebes führen kann. Immerhin kann man nachweisen, dass, relativ genommen, die Heterosexualen viel grössere Cyniker zu sein pflegen, als die Homosexualen.

Auch weitere Entartungserscheinungen auf sexuellem

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Gebiet in Gestalt von Sadismus, Masochismus^ Fetischis- mus finden sich ungleich häufiger bei den Ersteren.

Alle diese Erscheinungen sind jedenfalls der konträren Sexualempfindung an und für sich nicht zukommende, sondern ihr koordinierte und aus der gemeinsamen Quelle der Belastung herzuleitende.

Das Gleiche gilt für eine besondere Art des Feti- schismus — die von mir so genannte Paedophilia erotica.

Auch diese finde ich häufiger bei Hetero- als Homo- sexualen. Es ist eine Fabel oder eine Verleumdung, dass der Konträrsexuale als solcher der Jugend gefährlich wird. Es ist dies ebenso wenig annehmbar als beim Heterosexualen an und für sich, denn die Homosexuali- tät ist ein Aequivalent der Heterosexualität und der Ge- schlechtstrieb des erwachsenen normalen Heterosexualen niemals auf das Unreife gerichtet

Als die Bedingung für Paedophilia vera erscheint ein besonderer fetischistischer Zwang, eine eigenartige Perversion der Vita Sexualis. Ausserhalb dieser Per- version besteht die Möglichkeit, dass ein Imbeciller oder ein Senil- oder paralytisch Verblödeter, ein in einem epileptischen oder sonstigen psychischen Ausnahmszustand Befindlicher sich an der Jugend vergreift Dass die kon- träre Sexualempfindung an und für sich nicht als psych- ische Entartung oder gar Krankheit betrachtet werden darf, geht u. A. daraus hervor, dass sie sogar mit geist- iger Superiorität vereinbar ist. Beweis dafür Männer bei allen Nationen, deren konträre Sexualität festgestellt ist und die gleichwohl als Schriftsteller, Dichter, Künstler, Feldherrn, Staatsmänner der Stolz ihres Volkes sind.

Ein weiterer Beweis dafür, dass die konträre Sexual- empfindung nicht Krankheit, aber auch nicht lasterhafte Eingabe an das Unsittliche sein kann, liegt darin, dass sie alle die edlen Regungen des Herzens, welche die heterosexuale Liebe hervorzubringen vermag, ebenfalls

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entwickeln kann in Gestalt von Edelmut^ Aufopferung, Menschenliebe, Kunstsinn, eigene schöpferische Thätig- keit usw., aber auch die Leidenschaften und Fehler der Liebe (Eifersucht, Selbstmord, Mord, unglückliche Liebe mit ihrem deletären Einfluss auf Seele und Körper usw.) Auf Grand dieser Thatsachen lässt sich annehmen:

1. Konträre Sexualempfindung ist eine gänzlich un- verschuldete, weil durch Stönmg des Waltens empirischer Naturgesetze begründete, Erscheinung.

2. Sie verdient Mitleid, nicht aber Verachtung, gleich jeder anderen Missbildung oder Funktionsstörung.

3. Ihr Vorhandensein präjudiziert nicht der An- nahme einer Ungetrübtheit der seelischen Funk- tioneu, istmitnormaler geistiger Funktion verträglich.

2.

Ueber tardive Homosexualität.

Es geschieht zuweilen, dass homosexuelle Empfind- ungen und Antriebe erst im späteren Leben auftreten, als anscheinend erworbene, nach Umständen als gezüch- tete Anomalie, während in der Regel die konträre Sexual- empfindung schon pubisch oder selbst praepubisch zu Tage tritt. Ein sorgfältiges Studium dieser hinter den ange- borenen numerisch stark zurückbleibenden Fälle hat mir folgendes ergeben:

1. seltene Fälle von tardiver Entwickelung des Sexuallebens überhaupt, bei übrigens als primäre und an- geborene Anomalie feststellbarer konträrer Sexualität.

2. Fälle von sog. psychischer Hermaphrodisie, in welcher Wille und sittliche Widerstandskraft zu Gunsten der (immerhin schwachen) heterosexualen Veranlagung den Geschlechtstrieb im Sinne dieser ausschliesslich thätig sein liessen, die Antriebe aus der konträren Veranlagung

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zu reprimieren vermochten, bis aus äusseren Gründen (Leidenschaft, Verführung, Ansteckung durch ein Weib etc.) oder inneren (s. 3. Gruppe) jene eines Tages^ versagten und das konträre Geschlecbtsgebiet zur aus^ schliesslichen Herrschaft gelangen liessen.

Diese Gruppe ist jedenfalls die häufigste und wich- tigste und nächst der folgenden, die für die Therapie aussichtsvollste.

3. Diese Gruppe besteht aus mannigfachen, aus der stärkeren oder geringeren Belastung, sich ergebenden Uebergangsfällen zu heterosexual ursprünglich empfinden- den Individuen, bei welchen allerdings zur Zeit der Ent- wicklung des Geschlechtslebens die der Keimdrüse adaequate cerebrale Organisation zur Herrschaft gelangt ist. Die mangelhafte harmonische Entwicklung einer Heterosexuali- tät bei diesen Existenzen giebt sich aber nicht blos durch die folgende Katastrophe anlässlich geringfügiger Anlässe kund, sondern auch durch Hinweise auf eine nicht ganz zur Unterdrückung gelangte, mindestens latent fortbestehende konträre Sexualität in Gestalt von verein- zelten konträren körperlichen oder psychischen sekun-^ dären Gesohlechtscharßkteren, 4urch eventuell im Traum- leben oder in psychischen Ausnahmszuständen z. B* im Eausch zu Tage tretende Zeichen von Erregbarkeit der sonst latenten konträren Sexualsphäre.

Niemals habe ich bei sog. erworbener, richtiger tar- diver konträrer Sexualempfindung Hinweise auf eine bi- sexuelle Veranlagung vermisst. Gewöhnlich bestand auch ein abnorm starkes sexuelles Bedürfnis. (Hyperaesthesia sexualis.)

Damit ein dergestalt ungünstig veranlagtes, d. b. mit ungenügenden Streitkräften ausgestattetes, im Kampfe um Hetero^ und Monosexualität nicht erstarktes Zentrum eines Tages zu Gunsten des gegensätzlichen, bisher latent gebliebenen depossediert wird und eventuell dauernid die

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Herrschaft verliert, dazu bedarf es . aber bei dem über- haupt Veranlagten einer , Reihe von weiteren seelischen und körperlichen Schädigungen und nicht blos gering- fügiger psychologischer Veranlassungen, die nur die Be- deutung eines letzten Gliedes in der Kette der Ursachen haben.

Gewöhnlich handelt es sich um belastete bypersexu- ale Individuen von abnorm früh sich regenden Bedürf- nissen, die schon .im frühen Kindesalter der Masturbation verfallen. Bei solchen Belasteten, auch spinal wenig Widerstandsfähigen, kommt es aber früh zu Neurasthenie. Diese schwächt die ^Libido zuin anderen Geschlecht, ruft psychische und phyöische Impotenz hervor jund Mangel der Wollustempßndung (Anaphrodisie) beim geschlecht- lichen Akt und drängt vom Weibe ab. In anderen Fällen kommt dazu noch der üble Einfluss auf die Pgy^che in Gestalt einer am Körper des Weibes erlittenen Infektion. Immer wieder kehrt der sexuell abnorm Bedürftige zur Masturbation zurück und fördert damit seine Neurasthenie, die ihrerseits wieder schädigend auf Geist. und Körper wirkt. In solchem Zustand physischen und moralischen Unbehagens, auf dem Nullpunkt normaler geschlecht- licher Empi^ndungsweise entwickelt sich nun aus seiner bisherigen Latenz bei dem immer noch Libidinösen das gegensätzliche sexuale Zentrum. Damit erwacht Ge- schlechtsgefühl für das eigene Geschlecht und nun ver- mag dann allerdings Verführung das letzte Glied in der Kette der Ursachen abzugeben und eine neue Sexu- alität zu schaffen. Hier hat die ärztliche Kunst Spiel- raum insofern eine rechtzeitige Bekämpfung der Mastur- bation und der Neurasthenie, eventuell unter Zuhülfe- nahme suggestiver Behandlung die normale Sexualität wieder herstellen kann, wobei allerdings die Gefahr be- steht, dass jeweils mit Wiederkehr der alten Schädlich- keiten neuerliche !Ekitgleisung erfolgt.

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Immerhin sind dies die günstigsten Fälle für die Therapie und hängt es im Allgemeinen nur von deren rechtzeitigem Eingreifen^ ihrer Dauer und günstigen äusseren Umständen ab^ um den Erfolg sicher zu stellen.

Da solche Fälle von , erworbener" Homosexualität nicht sehr häufige noch seltener aber vorurteilsfrei beo- bachtet sind^ lasse ich einige einschlägige Beobachtungen hier folgen. Beob. 1. Erworbene konträre Sexualempfindung.

Herr B., 32 J.^ Beamter^ seit 4 Jahren verheiratet, Eltern angeblich unbelastet, Bruder Idiot, 2 Schwestern hochgradig neuropathisch. B. war von Kindesbeinen an schwächlich, nervös, emotiv, litt viel an Cephalaea, war vom 16. Jahre ab, wo seine Vita sexualis erwachte, sehr sinnlich, befriedigte sich zunächst durch Masturbation, vom 17. Jahre an schon mit Coitus cum muliere, in dem er häufig excedirte. Bis zum 26. Jahre hatte B. nur für das Genus femininum Interesse und anlässlich Pollutionen nur heterosexuelle Träume gehabt. Er erinnert sich, dass, als ihn, etwa im 15. Lebensjahre, ein Kamerad verführen wollte, er diesen nicht begreifen konnte und zurückwies.

Mit 25 Jahren hatte B. aus Neigung geheiratet. Seine Frau ist eine frigide Persönlichkeit, verhielt sich ab- stossend beim maritalen Verkehr. Ueberdies entdeckte er bei ihr einen kleinen Schönheitsfehler, der ihn peinlich berührte.

Sinnlich und auf seine Frau angewiesen, da er sich nicht entschliessen konnte, sich Personen der demi-monde zuzuwenden, forcirte er maritalen Coitus, in der Hoffnung, die sinnliche Liebe der Frau zu erwerben.

Diese Hoffiiung erfüllte sich nicht. Der Coitus wurde immer unbefriedigender, die Ejakulation trat tardiv und ohne Wollustgefühl ein. B. wurde neurasthenisch, ver- kehrte immer seltener cum uxore.

In dieser seelisch körperlichen Verfassung geschah

li- es ihm, dass er einen Soldaten erblickte, der sofort seine Aufmerksamkeit fesselte. „Es war ein liebens- würdiger junger Mann, der etwas Mädchenhaftes an sich hatte''. Es zwang den B., sich diesem zu nähern und als er dessen Hände berührte, fühlte er eine bisher nie ge- kannte geschlechtliche Aufregung.

Von da ab war sein Interesse für das Weib fast er- loschen. Er fand nur noch junge Männer hübsch und begehrenswert, musste sich zusammennehmen, um solche auf der Strasse nicht anzureden. Besonders gefährlich waren ihm noch bartlose junge Männer von strammem Körper und anständigem Aussehen. B. war sehr un- glücklich über diese Entdeckung, die er peinlich tind un- begreiflich fand. Er bemühte sich seinem Drang, sexuell mit Männern zu verkehren, zu widerstehen, gab sich Mühe, sich mit maritalem Coitus zu begnügen, suchte, als ihm dies nicht gelang, zum Schutz gegen seine homosexualen Antriebe, sexuellen Verkehr mit käuflichen Weibern auf, fand aber dabei nicht die geringste Befriedigung mehr und unterlag eines Tages seinem homosexuellen Drang. Da blose Berührung seiner partes genitales durch Männer- hand zur Ejakulation genügte, beschränkte er sich auf Masturbatio passiva, die mit grossem sexuellem Genuss verbunden war.

Nach solchem Akt empfand er aber Ekel vor der Handlung und vor Demjenigen, der sich ihm hingegeben hatte. Eines Tages, nach dem Zusammensein mit einem jungen Mann, trat diese Ernüchterung aber nicht mehr ein. B. verliebte sich sterblich in diesen Adonis und fand Gegenliebe. Nachdem er alle Seligkeiten und Qualen einer solchen Liebe durchgemacht hatte, erschrak er bezüg- lich seiner Zukunft, zumal sein Genosse über diese unglück- liche Richtung der Vita sexualis ebenso bestürzt war, wie er. B. erkannte, dass ein solches homosexuales Verhältnis der ßuin seiner Ehe und der B.uin seines Genossen sein

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müsste^ gewann es Über sich^ ihm zu entsagen^ erkannte aber bald^ dass zu solchem Heroismus seine Kraft nicht ausreichte und. wandte sich um Bat und Hilfe an den Arzt. Bemerkenswert ist, da3 die homosexualen Ent- gleisungen des B. regelmässig mit Exacerbationen seiner Neurasthenie zusammengefallen waren. Energische Wach- suggestionen und antineurasthenische Behandlung waren die ärztlichen Massregeln.

B. ist eine stattliche, durchaus yirile Erscheinung» Ausser massiger Neurasthenie bietet er seelisch imd körperlich nichts Bemerkenswertes;

Beob. 2, L. 31 J. von an Hemicranie leidender nervöser Mutter normal geboren, von Kindesbeinen , auf selbst nervös, hat eine treffliche Erziehung genossen. Vom IJ. Jahre ab litt er einige Zeit an Chorea. Im 14. Jahre verführte ihn ein Schulkamerad zur Onanie. Von der Pubertät ab kamen zeitweise depressive Stimmungen ohne allen Grund über ihn,, die wohl al& milde Anfälle periodischer Melancholie zu deuten sind und auch neuerlich wiederkehren, aber nach aussen hin beherrschbar sind. Vom 17. Jahre ab, als seine- Kameraden junge Damen anzuschwärmen begannen, wunderte er sich stets, dass er kein rechtes Interesse für das weibliche Ge-- schlecht empfand. Er verweilte lieber in der Gesellschaft von jungen Männern, aber ohne jegliche geschlechtliche Neigung zu solchen.

Auf der Universität konnte er sich nicht entschliessen^ dem Beispiel der Anderen zu folgen und das Bordell zu besuchen. Er zog sich dadurch manchen Spott zu. Zum Teil um seine Onanie loszuwerden, versuchte er vom 20. Jahre ab Coitus cum puella, hatte normale Erection aber präcipitirte Ejaculation, empfand gar keinen Genuss beim sexuellen Akt, sodass er es vorzog seinen Detumescenz- trieb durch Masturbation zu befriedigen. Er wurde neu- rasthenisch, erkannte als Ursache die Masturbation, suchte

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sie thunlichst zu unterdrückeD, was ihm auch^ da sein gesohlechtliehes Bedürfnis kein grosses war^ oft längere Zeit gelang. In eine solche Episode gebesserter Neu- rasthenie fiel eine Nöigüng zu einer jungen Dame. Sie war aber nicht tief und verflüchtigte sich mit der Abreise der Betreflenden. Vom 23. Jahr ab fingen' hübsche junge Männer . an ihn zu interessieren. Er suchte ihre Gesell- schaft auf, will aber damals noch keine sinnlichen Neig- ungen zu ihnen gefühlt haben; Sein geschlechtlicher Verkehr mit dem anderen Geschlecht beschränkte sich zu jener Zeit auf seltene Cohabitationen, wobei ihn zwar puella nuda einigermassen reizte, aber der Akt als solcher nach wie vor ohne Befriedigung blieb. Das Interesse am Weib schwand immer mehr. Nun erwachte Geschlechts- gefühl gegenüber dem Manne und die Sehnsucht mit Personen des eigenen Geschlechts sexuell zu verkehren, die er mühsam bekämpfte. Mittlerweile hatte Z. sein Domizil in der Grossstadt genommen. Dort fiölen ihm bald die männlichen Hetären auf. Es trieb ihn förmlich zu solchen und an Orte, wo sie sich hiBrum trieben. Nach qualvollen Kämpfen erlag er, empfand momentan die höchste Wollust, dann aber Scham über seinen Fehltritt, wurde über diesen Gemütsbewegungen und durch Surmenage, das er sich auf erlegte, um nicht rückfällig zu werden, wohl auch durch Masturbation, schwer neu- rasthenisch. Längerer Aufenthalt in einer Wasserheil- anstalt wirkte günstig. Heimgekehrt vermochte er sich längere Zeit durch intensive geistige Arbeit von aller Sinnlichkeit frei zu halten und sein seelisches Gleich- gewicht zu behaupten.

Eine Neigung zum Weibe stellte sich gleichwohl nicht ein. Als der Geschlechtstrieb sich wieder stärker regte, zwang er sich zum Umgang mit weiblichen Hetären aber mit dem gleichen Erfolg wie früher. Nun kam eine Zeit, wo ,, trotz fürchterlicher Gewissensbisse und des

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Gefühls der tiefsten Erniedrigung und Selbstveraohtung'' sich die homosexualen Uebertretungen mehrere mal wieder- holten. Da lernte er einen jungen Mann kennen, dessen Freundschaft reinigend und erhebend auf ihn wirkte. Die 9 unsauberen Gedanken* traten in dessen Gegenwart ganz in den EKntergrund.

Z. fühlte sich beglückt^ veredelt in dessen Nähe. Dieser Verkehr dauerte durch Wegzug des Betreffenden nur kurze Zeit. Nun folgte eine Periode stark sinnlicher Erregung, erfolgloser Versuche apud feminas und durch Masturbation sich vor Rückfällen in homosexualen Ver- kehr zu schützen, Flucht auf das religiöse Gebiet^ Versuch ablenkender Berufsarbeit Alles erfolglos. Mit exa- cerbirender Neurasthenie homosexuelle Orgien, dannl^iebes- Verhältnis mit einem jungen Mann. Dieses that moralisch und physisch wohl. Z. wurde ruhiger und fing an seine abnorme Vita Sexualis mit ßesignation und als ein krank- haftes Etwas zu betrachten. Endlich versuchte er ärztlichen Bat und Hilfe dagegen, was mir seine Bekanntschaft ver- schaffte. Ich fand an ihm einen distinguierten, intellek- tuell und ethisch hochstehenden Menschen, tief gebeugt durch seine fatale Situation, durchaus viril, von normalen Genitalien, ohne alle Degenerationszeichen, mit Erschein- ungen allgemeiner Neurasthenie und riet zu Unterdrück- ung der Masturbation, frugaler Lebensweise, Abstinenz von Alkohol, Selbstzucht, Behandlung in einer Wasserr heilanstalt, mit eventueller Zuhilfenahme einer Suggestions- therapie.

Beob. 3. X. Jurist, 23 Jahr, von neuropathischen Eltern, fing schon im 8. Jahre an sich für die Genitalien seiner Gespielen zu interessieren, ohne sich geschlechtlicher Dinge bewusst zu sein. Die Anteriora von Mädchen zu be- schauen, kam ihm nicht in den Sinn. Eines Tages ent- deckte er bei einem israelitischen Mitschüler ein be- schnittenes Membrum, erfuhr den Sachverhalt und musste

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von nun ab viel über die Beschneidung grübeln. Mit 13 Jahren erwachte seine Vita sexualis. Es war hypersexual, masturbierte, besuchte seit dem 18. Jahr eifrig das Lupa- nar, war potent, hatte aber nur sehr geringe Befriedig- ung. Daneben Masturbation, die ihm mehr zusagte. Er wurde neurasthenisch, hypochondrisch verstimmt, hatte eine Zeit lang Lebensüberdmss, erkannte die Schädlichkeit der Masturbation, bezwang sie eine Zeit lang, suchte Ersatz beim Weib, ejaculierte aber zu früh, hatte auch gar keine Befriedigung mehr und geriet wieder an Onanie^ die seine Neurasthenie exacerbieren machte. Nun erwachte Interesse an hübschen Männern, aber es war vorläufig ein blos ästhetisches. Er besuchte fleissig öffentliche Bäder, um ihres Anblickes teilhaftig zu werden. Glücklicherweise nahte ihm kein Verführer. Er erkannte, dass er sexuell auf Abwege gerate, zumal da es ihn zwang, an Anstands- orten herumzulungern, um der Genitalien andrer Männer ansichtig zu werden.

Erfolgreich gegen Masturbation ankämpfend, suchte er neuerlich seinen Trieb im Lupanar zu befriedigen. Es gelang ihm Coitus und er erzielte leidliche Befriedigung, wenn er sich inter actum Genitalia virilia vorstellte.

Da er seiner Widerstandskraft gegen männliche Attraktionen misstraute, suchte er ärztliche Hilfe. Unter antineurasthenischer Behandlung und hypnotisch suggestiver Kur mit dem Zweck, ihm Abscheu vor Masturbation und vor Männerliebe einzupflanzen (Fat. erwies sich ziemlich hypnotisierbar und suggestibel) gelang es, ihn dauernd von homosexuellen Neigungen zu befreien und dem Weibe gegenüber potent zu machen. Er coitierte seither ohne Schwierigkeit und ohne in der Phantasie an membra virilia denken zu müssen, mit ziemlicher Befriedigung.

Beob. 4. V. 23 Jahr, Privatbeamter, von hystero- pathischem Vater und höchst nervöser Mutter, seit der Kindheit mit Tic convulsif behaftet, als 12jähriger Knabe

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von Kameraden zur Masturbation verführt, trieb sie seit- Ler leidenschaftlich, selbst bis za dreimal an einem Tage, coitierte seit dem 17. Jahre mit Potent, aber sehr geringer Befriedigung. Er fühlte keine Neigung zum Weibe, coitierte nur, um das auch mitzumachen, und fühlte sich mehr befriedigt, weiin ihn die puella manustuprierte, sowie durch tactus genitalium feminae. Seine Haupt- befriedigung blieb solitäre Onanie. Vom 20. Jahr ab wurde er neurasthenisch, anaphrodisisch im Umgang mit dem Weibe, verrichtete auf Coitus und fühlte sich sehr unglücklich, verstimmt, dabei von Pollutionen geplagt, bei welchen anfangs auch Traumbilder von nackten noch unentwickelten Mädchen, dann aber von mutuelle Mastur- J)ation mit ihm vollziehenden Jünglingen sich einstellten. In solcher Verfassung berührte eines Tages im Strassen- gewühl ein junger Mann seine Genitalien. Sofort Erektion und Ejakulation unter Wollustschauer. Von nun an hatten nur noch etwa 18jährige junge Leute für ihn Reiz. Es drängte ihn solche zu küssen, an sich zu drücken. Er vermochte diesem Gelüste zu widerstehen, suchte und fand Aufklärung über seine ihm selbst pathologisch er- scheinende geschlechtliche Situation und war sehr ge- tröstet, als er den Sachverhalt erfuhr. Pat. hat anatomische Degenerationszeichen (verbildete Ohren etc.), die aber grossenteils (verbildeter Schädel, Miss wachs der Zähne) auf Bachitismus zurückgeführt werden konnten. Daneben Tic, Neurasthenie. Genitalien normal gebildet. Pat. wurde einer en^prechenden Behandlung zugeführt. Der Erfolg derselben konnte nicht eruiert werden.

ßeob. 5. W. 28 Jahre, aus belasteter Familie, mit 12 Jahren von Kameraden zur Masturbation verleitet, fröhnte ihr bis zum 19. Jahr und will oft Phantasien nach- gehangen haben, er be&nde sich in der Gewalt kraftvoller Männer, denjsa er in jeder Weise unterwürfig sein müsse. Der sexuellen, speziell masochistischen Bedeutung solcher

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Vorstellungen will er sich aber nicht bewusst gewor- den sein.

Mit 19 Jahren wandte sich W. aus eigenem Antrieb dem Weibe zu, coitierte mit Genuss, fühlte sich glück- lich, so die Onanie los zu werden. Da kam das Ver- hängnis in Gestalt einer Gonorhoe. Genesen, empfand er Scheu vor derartigen ansteckenden Krankheiten, getraute «ich nicht, den früheren Verkehr mit Hetären wieder aufzunehmen, verfiel neuerlich in Onanie, wurde neu- rasthenisch, entschloss sich, um von dieser Neurose los- zukommen, das Lupanar wieder aufzusuchen, war aber nun impotent und darüber untröstlich. In dieser seelisch körperlichen misslichen Situation kamen wieder die früheren homosexual masochistischen Phantasien aus der* Pubertätszeit. Er hing ihnen nach, hatte auch bezügliche Traumbilder zur Zeit von Pollutionen, fühlte sich immer mehr zu kräftigen Männern geschlechtlich hingezogen und erlag eines Tages der Verführung eines solchen.

Beob. 6. Erworbene konträre Sexualempfin- dung. Unzucht wider die Natur. Keine Ver- urteilung. Sanierung der Vita sexualis durch ärztliche Behandlung.

Am 20. August 1898 wurde der 37 Jahre alte ledige Handelsagent Z. in Haft genommen, weil gegen ihn der begründete Verdacht sich ergeben hatte, dass er mit dem Komptoiristen L. Unzucht wider die Natur durch gegen- seitige Masturbation treibe.

Bei L. hatten sich Briefe vorgefunden, in welchen Z. ihn als Gauner, Schuft, Scheusal in Menschengestalt, als seinen bösen Dämon, Mitglied eines Ausbeuter- konsortiums bezeichnet hatte. Gleichzeitig nannte er ihn «einen lieben Freund, schilderte in überspannter Weise, dass er ihn als seinen Schutzengel angesehen, für das Heiligste auf Erden gehalten habe, für den 'er sein Ver- mögen geopfert, da er ihn abgöttisch geliebt habe. Sich

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selbst bezeichnet er als Unglücklichen^ am Abend seines Lebens stehend^ dem Wahnsinne nahe. Seine Nervosität steigere sich von Minute zu Minute er müsse vor seinem rasch zu gewärtigenden Tode noch mit L. ab- rechnen, da er sich in ihm getäuscht habe.

In Haft und Verhören geberdet sich Z. wie ver- zweifelt, weint fast beständig.

Ueber seine Familie, von der er mit 10 Jahren ge- trennt worden, weiss er nur wenig zu berichten, unter anderem, dass ein Bruder seines Vaters in der Irren- anstalt starb. Er klagt über Vernachlässigung in seiner Erziehung, habe als Kellner, seit 8 Jahren als Agent seine Existenz gefunden, in den letzten Jahren viel Kummer duröh einen Erbschaftsprozes^ gehabt, sei dadurch ina Trinken geraten und habe immer weniger vertragen. Seit der Kindheit leide er viel an Cephalaea. Seit Jahren sei er immer nervöser, erregbarer geworden, seit Monaten, schwer neurasthenisch.

Er will vom 16. Jahre ab in normaler Weise seinen- Geschlechtstrieb befriedigt haben, bis er vor ungefähr 3 Jahren L. kennen lernte. Dieser habe ihn zu mutueller Onanie verführt. Er sei ganz verliebt in L. geworden,, habe alle Lust am natürlichen Geschlechtsverkehre ver- loren und etwa einmal wöchentlich in L.'s Wohnung mit diesem Unzucht getrieben. Er begreife jetzt gar nicht,, wie diese Wandlung in ihm zu Stande gekommen sei. Sichergestellt ist, dass diese Aenderung mit dem Beginne der neurasthenischen Erkrankung des Z. zusammenfiel. Er habe oft sich von L. losmachen \vollen, da dieser ihn finanziell ruinierte, aber L., der, wie die Untersuchung ergab, mit angeborener konträrer Sexualempfindung be- haftet ist, habe durch Schmeicheleien oder auch durch Drohungen mit gerichtlicher Anzeige ihn immer wieder an sich zu fesseln gewusst.

Das Gutachten der Gerichtsärzte stellt schwere Neu-

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rasthenie mit grosser psychischer Erregbarkeit, neuro- pathische, respektive hereditäre Konstitution fest, dabei sexuelle Hj^erästhesie und, daraus resultierend, abnorme geschlechtliche Bedürftigkeit. Die erworbene Perversio sexualis wird auf Belastung und Neurasthenie zurück- geführt, der psychische Zustand des Z., so lange er im Banne des L. sich befand, als pathologisch anerkannt und die Unwiderstehlichkeit des Dranges zu geschlechtlichem Verkehre mit L. zugegeben. Darauf wurde die Unter- suchung gegen Z. und L. im November 1898 eingestellt.

Kaum aus der Haft entlassen, erwachte bei Z. die frühere Leidenschaft zu L. wieder. Er verfolgte den L., der nichts mehr von ihm wissen wollte, mit unzüchtigen Anträgen und drohte schliesslich, er werde L. erschiessen, wenn dieser ihm nicht zu Willen sei. Schliesslich trieb es Z. so toll, dass L. die Hilfe der Polizei gegen Z. an- rufen musste.

Verhaftet behauptete Z., die Situation sei gerade um- gekehrt. L. habe ihn neuerlich verführen wollen und er sich vor ihm flüchten müssen. Durch Zeugen wurde aber das Gegenteil konstatiert. So berichteten die Gerichts- ärzte, dass Z. am zweiten Tage nach seiner Entlassung aus der Haft höchst aufgeregt und angetrunken in ihrem Bureau sich einfand, ganz verstört war, weinte und wie verzweifelt sich geberdete, klagend, er könne von L., in welchen er ganz verliebt sei, nicht lassen, man möge ihm helfen.

Das neuerliche Gutachten konstatiert Zeichen von Alkoholismus, schwere Neurasthenie. Psychisch wird Z. charakterisiert als ein belasteter, äusserst überspannter, leidenschaftlicher, von Eifersucht geplagter, seine krank- haften Triebe und seine Affekte zu beherrschen unfähiger, für die Bedeutung imd Folgen seiner Handlungsweise

einsichtsloser, in Affekt und Trunk geradezu gemein-

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gefährlicher Mensch, dessen Behandlung in einer Humani- tätsanstalt dringend wünschenswert sei.

Am 24. Januar 1899 gelangte Z. auf meiner Klihik zur Aufnahme.

Er bot psychisch nichts Auffälliges, beklagte seine Leidenschaft für L. und war erfreut, als man ihm die Möglichkeit einer Remedur in Aussicht stellte.

Seine Angaben quoad vitam sexualem ergänzte er da- hin, dass ihn der Coitus cum muliere nie recht befriedigt habe, dass er den homosexualen Verkehr weit vorziehe, und dass dieser in Masturbatio mutua, coitus inter femora aut in OS bestanden habe. In einer bestimmten sexuellen Rolle habe er sich dabei nie gefühlt.

Die Isolierung in der Klinik, die Enthaltung von Alkohol und antineurasthenische Behandlung wirkten sehr günstig.

Im Februar und März versuchte man Suggestiv- behandlung. Patient gelangte leicht in Engourdissement, nahm Suggestionen contra Alkohol, Masturbation und amorem praeternaturalem an, bot bei der Entlassung Mitte März 1899 das Bild eines sittlich rehabilitierten und körperlich wieder hergestellten Mannes. Die fernere Be- obachtung ergab tadellose Lebensführung, normale Vita sexualis und Abstinenz von Alkohol. (Eigene Beobachtung in Jahrbücher für Psychiatrie.)

Zur weiblichen Homosexualität.

Ein noch wenig geklärtes Gebiet ist das der kon- trären Sexualempfindung bei Frauen. Die Spärlichkeit der bisherigen Casuistik verbürgt nicht die Seltenheit der Erscheinung. Bedenkt man, dass eine Belastungs- grundlage bei der konträren Sexualempfindung aetiologisch

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das ausschlaggebende Moment ist und dass hereditär be- lastende Einflüsse sich beim Weib ebenso geltend machen, als beim Mann, so ist die Annahme gerechtfertigt, dass konträre Sexualität qua Empfindung ebenso häufig beim Weib vorkommen mag, als beim Mann. Da aber beim normal sexualen Weib der Geschlechtstrieb nicht so stark veranlagt zu sein pflegt als wie beim Manne und die konträre Sexualität ein Aequivalent der normalen ist, mag es geschehen, dass jene auf rudimentärer Stufe vielfach bleibt, jedenfalls das konträr sexuale Weib nicht so leicht in Not- und Zwangslagen bringt, wie sie beim konträr sexual gearteten Mann an der Tagesordnung sind. Schon darin liegt ein gewichtiger Grund, dass die Anomalie beim Weib nicht oft zur Kenntnis kommt. Noch wichtiger ist aber der Umstand, dass hier die physische Fähigkeit zur Leistung des Coitus nicht be- hindert ist, wie so häufig beim Manne, der durch psych- ische Impotenz ex horrore feminae Erektion nicht er- zwingen kann. Dazu kommt endlich, dass die homosexuale Befriedigung unter Weibern nicht unter Straf drohung steht, wie bei konträr sexualen Männern, womit öflfent- liche Biosstellung durch Chantage und gerichtliche Ver- folgung ausgeschlossen ist. Der deutsche Gesetzgeber kennt bekanntlich nicht das Delikt der Sodomia ratione sexus inter feminas begangen.

Es erklärt sich dies daraus, dass man bei der Ueber- nahme des § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs aus dem früheren preussischen sich die Art des Delikts inter mares nur als aktive und passive Paederastie dachte und da die Genitalien des Weibes ein derartiges Delikt inter feminas aus anatomischen Gründen ausschliessen, entfiel eine bezügliche Straf drohung, ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Er- findung der , beischlaf ähnlichen* Handlungen in der neueren Judikatur als zum Thatbestand des Delikts inter mares genügend, nicht dem Standpunkt des Gesetzgebers

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entspricht, vielmehr eine unrichtige, ungerechte Inter- pretation des § 175 darstellt.

Die unterlassene Einbeziehung der Weiber unter die Strafdrohung des § 175 beruht auf zwei Irrtümern: 1. dass der Akt inter mares Päderastie sei eine, wie die heutige Erfahrung lehrt, wenigstens bei Konträrsexualen nur ganz ausnahmsweise Art der Befriedigung; 2. dass Weiber unter einander sexual nicht deliktfähig seien.

Dies sind aber Weiber ebensogut als Männer, denn physiologisch kommt es doch nur darauf an, dass durch irgend einen sexualen Akt Orgasmus bis zur Ejakulation und damit geschlechtliche Befriedigung hervorgerufen werde.

Auch beim Weibe kommt es durch genügende Rei- zung erogener Zonen zu einem der Ejakulation des Mannes analogen Vorgang, und der diesen bewirkende Akt wird damit zu einem Aequivalent des Coitus, ganz abgesehen davon, dass durch Anwendung eines Priaps der Geschlechtsakt dem natürlichen sehr sich nähern kann. Die Reizung erogener Zonen geschieht beim Akt inter feminas gewöhnlich durch Cunnilingus oder auch durch frictio genitalium mutua, beides ^ beischlaf ähnliche" Handlungen, wie sie die deutsche Strafrechtspraxis als zur Statuierung des Delikts nach § 175 ausreichend er- achtet.

Da erscheint die österr. Gesetzgebung konsequenter, indem sie dieses Delikt auch inter feminas vorsieht. Uebrigens scheint während der nunmehr halbhundert- jährigen Wirksamkeit dieses Strafgesetzbuches niemals ein Weib wegen eines homosexualen Deliktes unter An- klage- gestanden zu sein, (in dem denkwürdigen Prozess der Gräfin Sarolta geschah dies ja nur wegen Betrug und Urkundenfälschung). Die öffentliche Meinung be- trachtet in Oesterreich offenbar sexuelle Handlungen inter feminas begangen nur als Handlungen contra bonos

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mores, nicht aber contra leges. Nun sind aber Cunni- lingus feminarum ganz analoge Akte wie die fellatio inter viros, desgleichen die Tribadie ganz gleichstehend den stossenden Bewegungen inter femora oder anderen beischlafähnlichen Handlungen, wie sie bei Männern als strafbare gelten.

Man kann der deutschen Gesetzgebung nnd nament- lich der Rechtsprechung den Vorwurf nicht ersparen dass sie inkonsequent, naiv und auf irrthümliche Voraus- setzungen hin den § 175 schuf und ihn handhabt. Soll man nun wünschen, dass der deutsche Gesetzgeber bei «iner Revision dieses § die Deliktfähigkeit auch auf Weiber ausdehne? Da scheint es doch vernünftiger, dass er denselben eliminiert, denn die Gründe, welche den § Männern gegenüber unhaltbar erscheinen lassen, können auch Frauen gegenüber geltend gemacht werden.

Fragt man nach der Häufigkeit der lesbischen oder sapphischen Liebe, so muss dieselbe nach allen neueren Forschungen als sehr gross bezeichnet werden. Nament- lich sollen es Bordelle, Gefängnisse, Pensionate und aristokratische Kreise sein, in welchen derlei getroffen wird.

In der Mehrzahl der Fälle scheint es sich aber nur um Perversität, nicht um Perversion zu handeln. Es kann nicht genug betont werden, dass geschlechtliche Akte an Personen desselben Geschlechts an und für sich durchaus nicht konträre Sexualität verbürgen. Von dieser kann nur die Rede sein, wenn die physischen und psychischen sekundären Geschlechtscharaktere einer Person des eigenen Geschlechts Anziehungskraft für eine andere haben und bei dieser den Impuls zu geschlechtlichen Akten an jener hervorrufen.

Ich habe längst den Eindruck gewonnen, dass die konträre Empfindung bei Weibern in der Anlage ebenso häufig besteht als bei Männern, dass aber, da als Wirkung

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von züchtender Erziehung der Geschlechtstrieb nicht die dominierende Stelle spielt, wie bei Männern, da Ver- führung in Gestalt mutueller Masturbation weniger an das Mädchen herantritt, als an den Knaben, da der Sexualtrieb des Weibes erst mit dem geschlechtlichen Umgang sich entwickelt und dieser meist ein hetero- sexualer ist dass durch alle diese günstigen Umstände die abnorme Veranlagung wirkungslos bleiben mag und eventuell ihre Korrektur und Remedur durch den von Gesetz und Sitte verlangten natürlichen Verkehr zwischen Weib und Mann finden mag. Bestimmt lässt sich aber annehmen, dass solche milde Fälle von unentwickelter oder erstickter konträrer Sexualität eine erhebliche Quote stellen zu jener Frigidät und Anaphrodisie als Dauer- erscheinung, die so häufig bei Ehefrauen vorgefunden wird.

Ganz anders ist die Situation^ wenn die veranlagte weibliche Person mit der weiteren Anomalie der Hyper- sexualität belastet ist und dadurch an und für sich, oder auch durch Verführung seitens Geschlechtsgenossinnen, zu Masturbation und homosexualen Akten gelangt. In solchen Fällen bestehen analoge Situationen, wie ich sie oben beim Manne hinsichtlich erworbener konträrer Sexual- erapfindung aus der Erfahrung geschildert habe.

Eine Veranlagung in Form der Bisexualität oder der mangelhaften Fundierung einer der Entwickelung der normalen Sexualität dienenden Einrichtung oder der kon- trären Sexualität vorausgesetzt, lassen sich folgende Ent- stehungsmöglichkeiten für homosexuelle Liebe anführen:

1. es besteht Hypersexualität, die zur Automastur- bation drängt. Diese führt zu Neurasthenie mit deren Folgen, so zur Anaphrodisie bei natürlichem Geschlechtsverkehr, bei fortbestehender Libido.

2. auf gleicher Grundlage (Hypersexualität) kommt es zu homosexuellem Verkehr faute de mieux (Gefängnisinsassen, Töchter höherer Stände, die

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vor Verführung durch Männer gehütet smd oder vor Gravidität zurückschrecken). Diese Gruppe ist die zahlreichste. Oft sind weibliche Dienst- boten die Verführerinnen, gelegentlich auch kon- trärsexuale Freundinnen und selbst Lehrerinnen in Pensionaten.

3. Es handelt sich um Ehefrauen impotenter Männer, die blos zu reizen, nicht aber zu befriedigen ver- mögen und Libido insatiata, Nachhilfe mit Mas- turbation, Pollutiones feminae, Neurasthenie imd endlich Ekel vor dem Coitus, überhaupt dem Verkehr mit Männern herbeiführen.

4. Prostituierte von grosser Sinnlichkeit die, ange- widert von dem Umgang mit perversen oder im- potenten Männern, von denen sie zu den abscheu- lichsten geschlechtlichen Akten missbraucht wer- den, sich zu sympathischen Personen des eigenen Geschlechts flüchten und an ihnen sichregressieren.

Solche Fälle von vermeidbarer, weil gezüchteter k. S., sind bei Weibern dieser verschiedenen Kategorien überaus häufig.

Dass aber auch originäre Fälle von k. S. beim weib- lichen Geschlecht nicht selten sind, geht teils aus der bisher gesammelten Kasuistik hervor, teils aus der All- tagserfahrung. Wer aufmerksam die Damen in der Gross- stadt betrachtet, findet gar häufig Persönlichkeiten, die durch kurze Haare, mehr männlichen Zuschnitt der Ober- kleider etc. des üranismus verdächtig erscheinen.

Unvergesslich ist mir eine Dame von mehr harten Gesichtszügen, sehnig muskulösem Bau, schmalem Becken, männlicher Gehweise, die kurzgeschorene Haare trug einen Männerhut, Zwicker, Herrenpaletot und Stiefel mit Absätzen. Nähere Nachforschungen ergaben, dass sie eine nicht untalentierte Malerin sei, die trank und rauchte trotz einem Studenten, nur männlichen Sport liebte, aus-

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schliesslich in Damengesellschaft sich bewegte, in welcher sie wegen ihrer virtuosen Fähigkeit, zum Klavier pfeifend sich zu begleiten, beliebt war. Auch Schauspielerinnen und Operettensängerinnen sind nicht so selten Konträr- sexuale, besonders solche, die in Hosenrollen brillieren, denn hier sind sie in ihrem Element und spielen ihren wahren d. h. männlichen Charakter.

Da die Kasuistik weiblicher konträrer Sexualität noch dürftig ist, kaum 50 Fälle erreicht, als Vergleich mit männlicher von grosser Bedeutung ist, lasse ich hier einige prägnante Fälle folgen :

Beob. 1. Erworbene konträre Sexualempfin- dung. Frau Z. Dame aus der höheren Gesellschaft, 40 Jahre, lernte ich 1897 in einem Sanatorium kennen. Ueber die Gesundheitsverhältnisse der Eltern war nichts Sicheres zu erfahren. Die Dame hat Spuren von Rachitis am Schädel, keine anatomischen Degenerationszeichen, war von Kindheit auf schwächlich, nervös gewesen, hatte sich geistig und körperlich normal entwickelt, von der Pubertät ab ein sinnliches Temperament gezeigt, aus- schliesslich heterosexual empfunden, aber erst mit 29 J. aus Familienrücksichten eine Ehe geschlossen. Der Mann erwies sich impotent, Frau Z. wurde nur gereizt, nicht aber befriedigt, half sich mit Onanie, wurde neurasthenisch, schloss sich an eine Freundin an, fühlte sich mit der Zeit geschlechtlich zu ihr hingezogen, empfand beim Küssen und Liebkosen derselben Orgasmus und Befrie- digung. Nach Entfernung dieser Freundin trat eine Ver- wandte an deren Stelle. Wittwe geworden, verkehrte Frau Z. nur mehr in Damenkreisen. Sie verliebte sich in ihre Gesellschafterin. Ueber Liebkosungen ging der Verkehr nicht hinaus. In einer bestimmten geschlecht- lichen Rolle dachte sie sich nicht dabei. Nebenher excessive Masturbation, wobei Fat. sich das Bild geliebter weib- licter Personen vorstellte. Hie und da Pollutionen, von

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ebensolchen Traumbildern begleitet. Wiederholte Kuren in Wasserheilanstalten mit Zuhilfenahme von Suggestions- behandlung, die tiefes Engourdissement erzielte. Temporäre Beseitigung von Onanie und Besserung der Neurasthenie, womit jeweils die heterosexuale Empfindungsweise wieder- kehrte. Eine energisch während Monaten durchgeführte derartige Behandlung erzielte endlich ein defiinitives Ke- Bultat. Die homosexuale Empfindung machte einer dauernden heterosexualen Platz. Pat. trug sich mit Ge- danken zu heiraten, kam aber vernünftigerweise wieder davon ab. Das gute Befinden hat sich seit Jahren er- halten, obwohl es noch ab und zu zu Rückfällen in Masturbation kam.

Beob. 2. Psychische Hermaphrodisie. Frl. X., 36 Jahre, von hysteropathischer Mutter, hat in ihrer Blutsverwandtschaft mehrere neuro- und psychopathische Angehörige. Ein Bruder war irrsinnig in einer Anstalt.

Pat. hat leicht rachitisch hyderophalen Schädel von 55 Cf, ist von durchaus weiblichem Typus und ohne anatomische Degenerationszeichen. Mit 13 Jahren Puber- tät. Von da ab trieb das sinnlich veranlagte Mädchen Masturbation. Ein ausgesprochenes Geschlechtsgefühl bestand damals noch nicht. Sie wurde bald neurasthenisch und nach einem psychischen Shok mit 15 Jahren schwer hysteropathisch; mit 16 Jahren erwachte eine decidierte ausschliessliche Neigung zum eigenen Geschlecht. Sie verliebte sich in Freundinnen, später in die eigene einige Jahre ältere Schwester. Erotische Träume, gelegentlich von Pollutionen begleitet, hatten nur Amplexus feminarum zum Inhalt. Es genügten ihr Küsse, brünstige Umar- mungen von Geschlechtsgenossinnen. Es geschah zuweilen, dass sie durch brünstige^ stürmische Liebkosungen sol- cher unliebsames Aufsehen erregte. Mit 22 Jahren erster Anfall einer schweren hysterischen Psychose mit mehr- monatlichem Aufenthalt in einer Heilanstalt. Von dieser

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genesen und von neurastheniscben Beschwerden ziemlich befreit, hatte sie zum erstenmal in ihrem Leben Inclination zu Männern. Sie war schon halb und halb entschlossen^ eine von ihrer Mutter dringend gewünschte Ehe einzu- gehen. Da sie aber fühlte, dass sie doch nicht solche Neigung zum Mann empfand, wie sie das Weib empfinden müsse, Angst vor dem ehelichen Verkehr mit einem Manne hatte und einen solchen nicht unglücklich machen wollte, lehnte sie eine Heirat ab. Sie geriet bald wieder auf konträrsexuale Bahnen unter dem Einfluss von Onanie und Neurasthenie, entwickelte sogar mit 26 Jahren Trans- formationsgefühle, indem es ihr vorlram, ihre Genitalien bildeten sich zu männlichen um, sie harne wie ein Mann,, wandle sich geistig und leiblich in einen solchen um. Auch empfand sie gar keine Scham mehr in Gegenwart eines Mannes Toilette zu machen, während sie sich vor einem Weibe genierte. Diese Transformation schritt aber nicht weiter vor, im Gegenteil kamen wieder Episoden, in welchen sie mit Besserung ihrer Hysteroneurasthenie in Kuranstalten wieder heterosexual empfand, das ganze Gebiet homosexualer Empfindungsweise zurücktrat, Pat. sich in Aerzte verliebte und ernstlich ans Heiraten dachte. Diese Coincidenz von gebesserter Neurose mit Wieder- kehr von HeteroSexualität wiederholte sich noch mehr- mals, sodass an zufälliges Zusammentreten nicht gedacht werden konnte.

Ein schwerer neuerlicher Anfall von hysterischer Psychose, der viele Monate dauerte, brachte Patientin in meine ständige Behandlung. Bemerkenswert war, das& während dieser Psychose homo- und heterosexuale Ge- fühlskreise förmlich um die Herrschaft kämpften, dass eine nymphomanische Episode ausschliesslich in hetero- sexualem Gebiete sich abspielte.

Von der Psychose genesen, wurde Patientin einer dauernden antineurasthenischen und suggestiven Kur

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unterworfen. Der Erfolg war ein sehr befriedigender, insofern es gelang MasturbatioQ und konträre Sexualität dauernd zu bannen, sodass Patientin, die glücklicherweise auch von neuerlichen Psychoseanfällen verschont blieb, ihre Hysteroneurasthenie losgeworden ist und ihre volle Selbstbeherrschung wieder gewonnen hat, von ihrer zu dem mit den Jahren abgeklungenen Sinnlichkeit nicht mehr belästigt wird und anstandslos in der Gesellschaft ver- kehrt. Nur menstrual und im Traumleben erscheinen gelegentlich noch Andeutungen der früheren konträren Sexualempfindung.

Beob. 3. Homosexualität. Eines Tages wurde ich zu einer Familie gerufen deren 18jährige Tochter Elsa wegen der Trennung von einer geliebten 19jährigen Freundin Franziska gemütskrank geworden sei, die Nah- rung weigere und energisch Fluchtversuche mache, um wieder zur in der Provinz weilenden Freundin zu ge- langen. Die Eltern fanden die Freundschaft dieser beiden Mädchen sonderbar, da dieselben einander glühende Liebesbriefe schreiben, einander anschmachten, beständig nur mit einander allein sein wollen, sich stürmisch küssen und umarmen und jeden gesellschaftlichen Verkehr mit jungen Herren meiden.

Von Elsa wurde mir berichtet, dass sie von Kind- heit eigentümlich, leutescheu, exzentrisch, nervös gewesen sei, immer nur Bücher 'lesen wollte. Sie habe nie Tanz- unterhaltungen mitmachen wollen. Die beiden Mädchen hätten dieselbe Schule besucht, sich immer inniger be- freundet. Im letzten Jahre sei Franziska durch ihre Eifersucht, wenn Elsa mit anderen Mädchen verkehrte, auffällig geworden. Auch dass dieselbe mit einem Herrn tanze, wollte sie nicht leiden. Das „Freundschaftsverhält- nis'^ sei schliesslich so exaltiert geworden, dass man die beiden jungen Damen trennen musste. Ich fand in Elsa eine gut gewachsene durchaus weiblich geartete Person-

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lichkeit vor, ohne alle DegeneratioDSzeichen. Sie war sehr gereizt gegen die Eltern, erklärte mit allen Mitteln die Wiedervereinigung mit der Freundin anzustreben,, ohne welche sie nicht leben könne. Sie ^sse sich nicht hindern, das Urteil der Welt geniere sie nicht Sie werde nie heiraten, hasse die Männer, wolle zeitlebens mit der gleichgesinnten Freundin in separatem gemeinschaftlichen Haushalt leben. Sie sei nicht für eine Ehe geschaffen,, habe noch nie irgend eine Neigung zu einem Manne ge- habt, wohl aber seit ihrem 14. Jahr für Mädchen. Sie wäre lieber ein Knabe geworden. Um das Urteil der erbärmlichea Menge kümmere sie sich nicht. Sie müsse ihre Franziska haben, ertrage das Getrenntsein von ihr nicht länger, würde lieber sterben. So ein herrliches Geschöpf gebe es auf der Welt nicht wieder.

Aus einem Tagebuch der E. ersehe ich, dass dieser die Freundin ein „Napoleon in Weibergestalt ist.* Die beiden schenkten sich Blumen, die F. trägt ein von E.. geschenktes Armband.

Der Mutter der E. fiel auf, dass diese seit geraumer Zeit sich geniere vor der Mutter die Toilette zu wechseln. Die gleiche Erfahrung hat sie beim Zusammensein ihrer Tochter mit der Freundin gemacht also pudor dem eigenen Geschlecht gegenüber!

Der Vater der E. ist eine degenerative Erscheinung. Der Mutter Schwester war irrsinnig und hat durch Sui- cidium geendet. Ein Bruder der E. ist an einer Gehirn- krankheit gestorben, ein zweiter höchst neuropathisch.

Mein Rat lautete auf Ueberwachung der E. und strenge Trennung von der Freundin, die offenbar gleich der E. sexuell nicht normal empfinde.

Am folgenden Tage kam Franziska in meine Privat- wohnung gestürmt, um meinen Consens zur Wieder- vereinigung mit der Geliebten zu erlangen, eventuell mit Hilfe der Gerichte die Befreiung der Freundin aus ihrer

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Gefangenschaft zu erzwingen! Sie habe von der Not dieser gehört und sei hergereist, um sie zu befreien. Sie selbst werde nie heiraten, ihr ganzes Leben der E. dem ^herrlichsten Geschöpf" widmen. Die F. macht einen exaltierten, sehr selbstbewussten Eindruck, ist von mehr männlichen Allüren aber von durchaus femininem Typus. Zu einem Eingehen auf ihre eigene Persönlichkeit war sie nicht zu bewegen und stürmte fort, als sie erkannte dass ich ihren Wünschen, die Freundin wieder zu er- langen, nicht Vorschub leisten wollte.

Beob. 4. Frau v. T., Fabrikantensgattin, 26 J., seit wenigen Monaten erst verheiratet, wurde mir von ihrem Gemahl 1896 zur Konsultation gebracht, weil sie nach einem Diner im Salon einer Dame aus der Gesellschaft um den Hals gefallen war, sie abgeküsst und geliebkost und damit einen Skandal provoziert hatte. Frau T. be- hauptet, sie habe ihren Mann vor der Ehe über ihre konträr sexualen Gefühle aufgeklärt, sowie, dass sie ihn nur um seiner geistigen Eigenschaften willen schätzte. Gleichwohl hatte sich die T. der ehelichen Pflicht unter- worfen, sofern sie nicht anders konnte. Sie stellte nur die Bedingung Incubus zu sein und will dabei sogar eine leidliche Befriedigung erfahren haben indem sie ihre Phantasie zu Hilfe nahm imd sich ein geliebtes Weib als Succubus dachte. Der Vater der Dame ist neuropathisch^ von mehr weiblichem Typus, litt an hysterischen Anfällen und soll nie sexuell bedürftig gewesen sein; dessen Schwester soll ihrem Gatten die Leistung der ehelichen Pflicht abgekauft haben, indem sie ihm eine Summe schenkte und ihm die Freiheit gab, sich anderwärts zu regressieren. Die Mutter der T. war hypersexual, soll eine Messaline gewesen sein. Sie liess die Tochter bis zum 14. Jahre bei sich im Bett schlafen. Erst im 15. Jahre wurde diese von der Mutter getrennt und ihre Erziehung in einem Institute durchgeführt. Sie

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war sehr begabt^ lernte leicht, spielte eine dominierende Stelle in der Klasse. Mit 7 J. erfuhr sie ein psychisches Trauma, indem ein Freund der Familie vor ihr sich zu einem exibitionistischen Akte hinreissen liess. Menses mit 12 J., in der Folge regelmässig und ohne nervöse Begleiterscheinungen. Die T. versichert, schon mit 12 J. sich zu anderen Mädchen hingezogen gefühlt zu haben. Sie sei sich jahrelang dabei noch keiner sexuellen Em- pfindungen bewusst geworden, habe aber gleich von An- fang an diesen Zug zum eignen Geschlecht als eine Anomalie empfunden. Sie will nur vor Personen des eigenen Geschlechts sich geniert haben, sich zu entblössen. Erst mit etwa 20 Jahren sei der eigentliche Geschlechts- trieb erwacht. Er wendete sich nie Männern zu, sondern gleich von Anfang an Mädchen und jungen Frauen. Es folgte nun eine Reihe von höchst sinnlichen Liebschaf ben mit solchen. Ins elterliche Haus aus dem Pensionat zurückgekehrt, ungenügend überwacht und mit Geld reich- lich versehen, fiel es ihr nicht schwer, ihre Gelüste zu befriedigen. Sie fühlte sich von jeher als Mann dem Weibe gegenüber. Ihre sexuelle Befriedigung fand sie in Masturbatio feminae dilectae, später, nachdem sie durch eine Kousine in die ihr bisher fremde lesbische Liebe eingeweiht worden war, trieb sie auch Cunnilingus. Sie war immer nur in aktiver Rolle und konnte es nicht über sich bringen, am eigenen Körper Anderen Befriedigung zu gewähren. Auch liebte sie nur heterosexuale feminae. Homosexuale Weiber waren ihr ein GräueL Es gefielen ihr auch nur ledige Damen von Stand, geistigen Vor- zügen, mehr herbe Schönheiten, Dianagestalten, keusch, zurückhaltend, nicht sinnlich.

Traf sie auf eine solche Persönlichkeit, so wurde die hypersexuale und schwer belastete T. so erregt, dass sie wiederholt ihre Brunst nicht beherrschen konnte und sich, geradezu impulsiv auf die Betreffende stürzte. Sie

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behauptet in solchen Momenten sei ihr Alles in rotem Scheine erschienen und ihr Bewusstsein momentan getrübt gewesen. Frau T. gab an, dass sie überhaupt sehr reiz- bar sei und ihre Afl^kte mühsam beherrsche. So sei es ihr einmal noch im Institut passiert, dass, als sie ein Mädchen verspottete, es ihr rot vor den Augen wurde und sie in förmlicher Wut sich auf die Kameradin ge- stürzt habe und dieselbe fast erwürgt hätte.

Mit 23 J. durch den Umgang mit einer anscheinend nicht homosexualen aber hypersexualen und durch Impotenz ihres Mannes nicht zur Befriedigung gelangen könnenden jungen Frau steigerte sich die Homosexualität und Be- dürftigkeit der T. ausserordentlich. Sie hatte sich ein Absteigequartier gemietet, wo sie wahre Orgien feierte, -cum digito et lingua sich befriedigte, selbst stundenlang, bis sie oft selbst ganz erschöpft war. Sie hatte eine -Zeit lang ein festes Verhältnis mit einer Probiermamsell^ Hess sich in männlicher Kleidung mit dieser photogra- phieren, erschien auch in gleichem Kostüm mit derselben in öffentlichen Lokalen, ohne gerade aufzufallen, ausser -einmal dem geübten Auge eines Polizisten, der sie auch arretierte.

Sie kam mit einer Verwarnung davon und Hess es nun bleiben, in männlicher Kleidung auf der Strasse zu -erscheinen.

Ein Jahr vor der Eheschliessung war die T. vorüber- gehend melancholisch. Damals schrieb sie, in der Absicht aus dem Leben zu scheiden, einen Abschiedsbrief an -eine frühere Freundin, eine Art von Konfession, aus der Folgendes Charakteristisches hier mitgeteilt werden möge :

„Ich bin als Mädchen geboren, aber durch verfehlte Erziehung ist meine glühende Phantasie schon früh in -eine falsche Richtung gedrängt worden. Schon mit 12 J. hatte ich die Manie, mich für einen Knaben auszugeben Aind die Aufmerksamkeit der Damen auf mich zu lenken.

Jahrbuch III. 3

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Ich erkannte wohl, dass diese Manie ein Irrwahn sei^ aber sie wuchs mit den Jahren wie ein Verhängnis. Ich hatte nicht mehr die Kraft, mich von ihm zu befreien. Er war mein Haschisch, meine Seligkeit. Er wurde zur gewaltigen Leidenschaft. Ich fühlte mich masculin, nicht zur passiven Hingabe sondern zur That gedrängt. Bei meinem überschäumenden Temperament, meiner glühenden Sinnlichkeit, bei meinem tiefgewurzelten perversen Instinkt lies ich mich von der sog. lesbischen Leidenschaft nach und nach total unterjochen. Ich hatte ein Interesse für den Mann, aber bei der flüchtigsten Berührung von Frauen vibrierte mein ganzes Nervensystem. Ich litt unsäglich darunter.

Lektüre französischer Autoren und leichtfertiger Umgang machten mich bald mit den Kiiifl^en einer un- gesunden Erotik bekannt und der dumpfe Trieb wurde zur bewussten Perversität. Bei mir hat die Natur in der Wahl des Geschlechts einen Fehlgriff gethan und für diesen Fehler werde ich mein ganzes Leben lang büssen müssen, denn ich hatte nicht die moralische Kraft, das^ Unvermeidliche mit Würde zu tragen und so wurde ich unaufhaltsam in die Wirbel meiner Leidenschaften ver- strickt und von ihnen verschlungen

Ich dürstete nach deinem süssen Leib. Auf deinen Victor war ich eifersüchtig wie der Rivale auf den andern. Ich litt alle Höllenqualen der Eifersucht. Ich hasste diesen Menschen und hätte ihn gern getötet. Ich fluchte meinem Geschick, das mich nicht als Mann geschaffen hat. Ich begnügte mich, dir eine alberne Komödie vor- zuspielen, ein künstliches Glied anzulegen, das meinen Trieb noch mehr erhitzte. Ich hatte nicht den M!ut, dir die Wahrheit zu gestehen, weil sie so erbärmlich und lächerlich gewesen wäre. Nun weisst du Alles. Du wirst, mich nicht verachten, nur nachfühlen, was ich gelitten habe. All meine Freuden gleichen eher einer momentanen.

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Berauschung als dem echten Gold des Glückes. Alles war nur ein Truggold. Ich habe das Leben genarrt und dieses hat mich genarrt. Nun sind wir quitt. Ich nehme Abschied. Gedenke auch in den Stunden des Glückes zuweilen an den komischen armen Narren, der dich treu und innig geliebt hat."

Bezüglich der Vita sexualis dieser Konträren ist noch zu erwähnen, dass dieselbe auch Züge von Masochismus und Sadismus enthält. So erzählt Frau T. dass ihr jedes Schimpfwort von einer Angebeteten eine Wonne war und dass selbst eine Ohrfeige von einer Solchen ihr eine Lust gewesen wäre. Auch hätte sie, wenn sexuell auf- geregt, lieber beissen als küssen mögen.

Ich lernte in Frau T. eine offenbar als d^gener^e sup^rieure zu bezeichnende Persönlichkeit kennen. Sie war sehr gebildet und intelligent, empfand die fatale Situation, in welche sie geraten war, peinlich aber offen- bar nur ihrer Familie wegen. Ihre Handlungsweise er- schien ihr als ein Fatum, dem sie nicht entrinnen konnte. Ihre Intelligenz war unversehrt. Sie beklagte ihre kon- träre Sexualität, sei bereit Alles zu thun, um von der- selben frei, eine honette Frau uijd gute Mutter zu werden, die ihr Kind nicht so unvernünftig erziehen würde, wie sie selbst erzogen wurde. Sie wolle ja Alles thun, um den Gatten zu versöhnen und zufriedenzustellen, ihm die eheliche Pflicht leisten, wobei nur sein Schnurr- bart unausstehlich sei. Vor Allem aber müsse sie ihr unglückseliges impulsives Wesen verlieren.

Die psychischen und physischen sekundären Ge- schlechtscharaktere sind teils männlich, teils weiblich. Männlich ist die Neigung zum Sport, zum Brauchen, Trinken, die Bevorzugung von Kleidern mit mehr männ- lichem Zuschnitt, der Mangel von Schick und Lust zu weiblicher Handarbeit, die Vorliebe für ernste, selbst

philosophische Lektüre, der Gang, die Haltung, die kräftigen

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Linien des Gesichts^ die tiefe Stimme, das derb entwickelte Skelett, die stark entwickelte Muskulatur und das spär- liche Fettpolster. Auch das Becken (schmale Hüften, Distantia spinarum 22 Cm, cristarum 26, trochanterum 31) nähert sich dem männlichen. Vagina, Uterus, Ovarien normal, Clitoris vergrössert. Mammae gut entwickelt^ Mons Veneris weiblich behaart.

In einer Wasserheilanstalt gelang es, während einiger Monate einem erfahrenen Kollegen Pat. durch Hydro- und Suggestionstherapie von jeglicher Homosexualität zu befreien und zu einer dezenten, sexuell mindestens neu- tralen Persönlichkeit zu gestalten, die seit langer Zeit wieder bei ihren Verwandten weilt und sich höchst korrekt benimmt.

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Sind sexuelle Zwischenstufen zur Ehe geeignet?

Von

Dr. H. Hirschfeld- Charlottenburg.

Die Erfahrung lehrt, dass eine beträchtliche Anzahl homosexuell empfindender Männer und Frauen verheiratet sind. Welches sind die Gründe dieser auf den ersten Blick so befremdlichen Thatsache, da doch Ehe und konträre Sexualempfindung fast wie ein Widerspruch in sich er- scheinen?

Zweifellos giebt es zahlreiche männliche und weib- liche Urninge, die erst nach der Verehelichung zur Er- kenntnis ihrer eingeborenen Natur gelangten. Besonders ist das bei Mädchen der Fall, deren Unerfahrenheit und , Unschuld* vielfach als etwas geradezu Erstrebenswertes gilt. Der erotische Charakter der überschwänglichen Zärtlichkeiten für Freundinnen wird dabei meist über- sehen. Zwar regte sich nichts von Liebe, als der Be- werber kam, eher eine unbestimmte Abneigung, aber die Ehe war doch nun einmal der Beruf des Weibes imd die Angehörigen sprachen so viel von der guten Partie, der glänzenden Versorgung, bis das brave Kind folgte. Wenn sie in der Brautzeit den Küssen scheu auswich, den Um- armungen sich wie geängstigt entzog, so hielt man diese Zurückhaltung für Schamhaftigkeit, auch wohl für Prü- derie, die sich mit der Zeit schon legen würde.

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Auch urnische Männer^ die ohne Kenntnis ihres Zu- standes in die Ehe treten, sind nicht selten. Sie haben nie anders gedacht, als dass der Mann zum Weibe, das Weib zum Manne gehöre. Alles, was sie in ihrer Um- gebung sahen und hörten, wandelte sich in eine starke Autosuggestion um, deren mächtigem Eindruck sie sich nicht zu entziehen vermochten. Diese Annahme hat um- somehr für sich, als ja Fälle konstatiert sind, in denen Urninge durch hypnotische Suggestion wenigstens zeit- weilig zum Aufgeben ihrer eigentlichen Natur bestimmt wurden. Dass der unbewusst Homosexuelle als Bräutigam sich und andern recht kühl, , vornehm reserviert*, vor- kam, war um so weniger auffallend, als es sich ja um eine Vemunftheirat handelte.

Wir finden in unserer Kasuistik einen alten Herrn, der erst mit 53 Jahren über sich und seine Homosexuali- tät klar wurde, nachdem er 20 Jahre zuvor wegen Impo- tenz sich hatte scheiden lassen, ferner eine Ehefrau, die erst mit nahezu vierzig Jahren in der konträren Sexual- empfindung, die wahre Ursache ihres unglücklich hyster- ischen Zustandes erkannte und zwar sehr zu ihrem Vorteil; Fälle, wo die Aufklärung erst Ende der zwanzig, oder in den dreissiger Jahren erfolgte, sind häufig, warum sollte man da nicht annehmen, dass es Menschen giebt, zumal leidenschaftsloser veranlagte, die überhaupt nie zum Bewusstsein ihres Urningtums gelangen. Sie verbringen ihr Geschlechtsleben in einer Art dumpfer Täuschung, führen häufig eine besonders nach aussen befriedigend erscheinende Ehe, kein Ineinander-Leben, aber ein er- trägliches Nebeneinander, oft sogar ein ganz glückliches Miteinander.

Verhältnismässig noch am günstigsten eignet sich zur Ehe die nach unserer Erfahrung allerdings nur kleine Gruppe von Personen, bei denen die Liebe zu einem be- stimmten Typus, ihrem ,, Genre*, die Liebe zu einem

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bestimmten Geschlecht überwiegt; es sind Frauen, welche sich beispielsweise in gleicher Weise von feminin ge- arteten, schon etwas älteren Männern sowie von ihnen verwandten altjüngferlichen Frauen angezogen fühlen oder €twa Männer aber auch viele Weiber, die ebensowohl zu zarten Jünglingen als dem diesen verwandten Tjrpus knabenhafter Mädchen meist im sogenannten Backfisch- alter Neigung verspüren.

Eine recht ansehnliche Schar von Urningen schreitet zur Ehe, weil sie sich über die Art und Tiefe ihrer ihnen an und für sich bekannten homosexuellen Neigung täu- schen und durch die Heirat von ihrer Anomalie befreit zu werden hoffen. In letzterer Ansicht werden sie nicht nur von Verwandten, sondern häufig von Aerzten, denen sie sich anvertrauen, bestärkt. Sehr viele Aerzte sind noch heute in dem Irrtum befangen, dass es sich bei Homo- sexuellen um eine Verirrung handle, die durch Heirat in normale Bahnen gelenkt werden könne. Dies ist in der überwiegenden Zahl der Fälle ein verhängnisvoller Irrtum. Mancher Urning hört in seiner "Verzweiflung, selbst nicht genügend von der Unauslöschbarkeit seines Triebes unterrichtet, auf den Rat des Arztes und ent- schliesst sich zur Ehe. Aber er hat nicht den Trieb, sondern der Trieb ihn. Verheiratet sieht er nur zu bald, dass der Rat, welchen der Arzt ihm erteilte, ein recht schlechter war.

Einer unserer Patienten schrieb:

„Sie wünschen zu wissen, wie ich dazu kam, mich zu verheiraten und dann, welche Erfahrungen ich in der Ehe gemacht habe.

Bevor ich mich dazu entschloss, mich zu verheiraten, war ich in einer höchst traurigen sozialen Lage. Wie Sie wissen, lebe ich in einer grossen Stadt. Ich war meinem unglücklichen Triebe, der mich Umgang mit dem eigenen Geschlecht suchen liess, häufiger gefolgt. Dies

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musste bekannt geworden sein, wenigstens hatte ich stet» das Gefühl, in manchen Fällen vielleicht unberechtigt, dass man meinen Umgang zu meiden suchte. Zu fein- fühlend, um in der Lage zu sein, irgend Jemanden meinen Umgang aufdrängen zu können, zog ich mich immer mehr von Geselligkeit und freundschaftlichem Ver- kehr zurück.

Ich verbrachte Tage und Nächte in Verzweiflung- hin, die besten Lebensjahre verstrichen im einförmigsten Einerlei.

Dieser traurigen Lage wollte ich ein Ende machen. Meine Altersgenossen waren verheiratet, Familie und einige Bekannte rieten ebenfalls dazu. Aber den Grund,, warum ich nicht heiraten wollte, durfte ich Niemanden sagen. Dies gehört auch zu den traurigen Seiten unsere* Schicksals, dass wir ein Geheimnis, das unser Linerstea aufs tiefste bewegt. Niemand, nicht einmal den nächsten Anverwandten, anvertrauen können. Ich sah andere Menschen glücklich und zufrieden und wollte auch glücklich werden.

Wenn mir auch der innere Drang zur Ehe fehlte, sa hoffte ich doch innere Ruhe und Zufriedenheit in der- selben zu finden.

Um mein Gewissen zu beruhigen und mich zu ver- gewissem, ob ich meinen ehelichen Pflichten nachkommen könne, wandte ich mich an einen Arzt. Derselbe sagte mir, ich möge einmal zu einer puella gehen, um mich zu überzeugen, ob ich im Stande sei, den coitus auszuführen. Wenn mir nun auch der coitus nicht den geringsten oder nur sehr wenig Genuss, ja eher Widerwillen bereitete, so war ich doch im Stande ihn auszuführen. Ich sagte die& meinem Arzte und riet er mir in Folge dessen zur Heirat. Da ich mich aber noch mehr vergewissern wollte, um meine Zweifel zu beruhigen, wandte ich mich noch an einen auswärtigen bekannten Arzt, dem ich meinen Zu-

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stand und mein Anliegen ausführlich berichtete. Der- selbe antwortete mir Folgendes:

„Da Sie Erektionen haben^ können Sie unbedingt ruhig heiraten, ich bin der Meinung, dass dadurch all- mälig Ihre konträre Empfindungen sich calmieren werden."

Ich wandte mich schliesslich an Professor K., der mir schrieb:

, Heirat ist möglich, da Potenz besteht. Ich kenne manchen verheirateten Urning, der Familienvater ist. Eine prekäre Sache ist immerhin die Heirat eines Urnings.

Ich habe Ihnen dies, geehrter Herr Doktor, absicht- lich etwas ausführlich mitgeteilt, um Ihnen zu zeigen, dass ich nicht ohne grosse Bedenken in die Ehe ging, die aber mehr oder weniger von den Herren Aerzten beseitigt wurden. Jedenfalls ging ich mit der Hoffiiung und dem Wunsche in die Ehe, dass ich durch dieselbe von meiner Anomalie befreit würde.

Nachdem ich Ihnen in Vorstehendem auseinander- setzte, wie ich zur Ehe kam, gehe ich jetzt dazu über, Ihnen meine Erfahrungen während der Ehe mitzuteilen.

Schon auf der Hochzeitsreise machte ich die Bemerk- ung, dass mir die Ausführung des coitus viel eher eine lästige Verpflichtung war, denn ein Vergnügen. Dabei blieb aber mein Hang zum eignen Geschlecht bestehen. Ich gab mir die denkbar grösste Mühe, mich auch inner- lich und geistig von dieser Neigung unabhängig zu machen, aber vergeblich.

Wie war und ist nun das Verhältnis zu meiner Frau?

Ich liebe und schätze meine Frau ihrer vielen aus- gezeichneten Eigenschaften willen ; wegen der Tiefe ihres Gemüts, wegen ihrer Pflichttreue, auch finde ich sie körperlich hübsch, aber trotz alledem ist diese Liebe mehr einem innigen Freundschaftsverhältnis ähnlich, wie einer Liebe, wie sie zwischen Eheleuten besteht und die

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nach meiner Empfindung ausser in der moralischen Wert- schätzung auch auf einer in sinnlichen und körperlichen Gefallen beruhenden Grundlage aufgebaut sein muss.

Bei diesem Mangel an sinnlicher Liebe zu meiner Frau, geht nebenher die sinnliche Liebe zum eignen Ge- schlecht. Meine Frau fühlt diesen Mangel an sinnlicher Liebe zu ihr wohl heraus, indem sie mir zuweilen den Vorwurf des Mangels innerer Seelengemeinschaft macht.

Wir würden aber ganz glücklich zusammen leben, wenn nicht ein Umstand wäre, der mir das Leben zur Qual macht.

Ich lebe in beständiger Furcht vor Entdeckung und Ausstossung aus der Familie, sowie in dem Bewusstsein, von meinen Mitmenschen verachtet zu sein. Dass ein derartiges Leben mehr eine Qual, denn ein Glück ist, werden Sie verstehen, etc. etc.*

Unter unseren Fällen finden wir nicht ein einziges Mal durch die Ehe Heilung der Homosexualität, nur selten Besserung, fast stets bleibt der Trieb sich gleich. Ein Weinhändler, der sich später scheiden liess, berichtet, dass bereits auf der Hochzeitsreise nach Italien die junge Frau sein Interesse für Männer entdeckte, in einem allerdings ganz exorbitanten Fall erfuhren wir, dass ein Wirt die erste Nacht nach der Hochzeit statt mit der Frau mit seinem im Hause aufgenommenen früheren Geliebten verbrachte. Wir greifen einige concrete Bei- spiele heraus.

1. K., Arbeiter, 45 Jahre, 4 Kinder, sexueller Verkehr mit Männern vor und sehr stark nach der Ehe; ausserehelicher Ver- kehr mit Weibern niemals. Die Frau hat Kenntnis von der kon- trären Sexualempfindung des Mannes, trotzdem leidlich gutes Zusammenleben, nur gelegentliehe Eifersucht der Frau und Aerger, wenn der Mann zur Befriedigung seiner Leidenschaft zu viel verausgabt.

2. Seh., Malermeister, 38 Jahre, 3 Kinder, vor und nach der Ehe Geschlechtsverkehr mit Männern, niemals mit Frauen ausser der Ehefrau. Die H.-S. des Mannes führte schon zu zeitweiliger

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Trennung, jetzt wieder ausgesöhnt, aber ein gezwungenes, dis- harmonisches Zusammenleben.

3. 0., Eommunalbeamter, 30 Jahre, neuvermählt, setzt den mannmännlichen Verkehr nach der Ehe fort, wenn auch in be- schränkterem Maasse, lebt bisher gut mit der nichts ahnenden Ehefrau.

4. H., Zuckerbäcker, 36 Jahre, 1 Kind. Vor und nach der Ehe sexueller Verkehr mit Männern, niemals mit Frauen ausser der Ehefrau, lebte bald nach der Ehe von ihr völlig getrennt, wollte sich schon scheiden lassen.

5. A., Arbeiter, 48 Jahre, 4 Kinder, zweimal verheiratet, das erste Mal starb die Frau schon nach sechs Wochen. Vor und nach der Ehe stärkerer geschlechtlicher Verkehr mit Männern. Jahrelanges „festes Verhältnis^ mit einem jüngeren Arbeiter, den er schliesslich als Kostgänger in die eheliche Wohnung auf- nimmt. Die Frau hat Kenntnis von der H.-S. des Mannes, insbesondere von der Natur des Verhältnisses mit dem jungen Arbeiter. Trotzdem duldet sie letzteres und ist sogar damit zu- frieden, da ihr Mann durch den ordentlichen^ sparsamen und sehr gutmütigen jungen Arbeiter von seinem früheren ausschweifenden Verkehr mit immer verschiedenen abgehalten, der Häuslichkeit erhalten bleibt. Ausserehelicher Verkehr mit Weibern niemals. Das Zusammenleben der Eheleute trotz der H.-S. des Mannes kein unglückliches. Ihre letzte Schwängerung führt die Frau auf den Neujahrstag zurück, wo der Mann in grosser Er- regung, dass der junge Arbeiter die ganze Nacht mit einem Freunde auswärts zubrachte, gleichsam „aus Bache an seinem Oeliebten sich an seiner Frau entschädigte."

6. Seh., Wirt, 32 Jahre, 1 Kind. Vor und nach der Ehe gleichgeschlechtlicher Umgang, niemals mit Weibern, ausser mit der Ehefrau. Behandelt seine nichts ahnende, etwas beschränkte Frau sehr schlecht, möchte ihrer gern entledigt sein. Es ist der Manif, von dem wir oben mitteilten, dass er die Brautnacht mit seinem Geliebten verlebte.

7. M., 40 Jahre. Heiratete eine schon ältere Person. Vor der Ehe sehr starke h.-s. Bethätigung, namentlich ein längeres Verhältnis mit einem Unteroffizier. Seit der Ehe fühlt er sich glücklicher , er sei ein anderer Mensch , . die Gefühle für Männer bestehen fort, doch sei er durch seine Frau immer be- hindert. Die früheren weibischen Manieren haben sehr nach- gelassen. Diese Ehe kann als eine glückliche bezeichnet werden.

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8. H., 55 Jahre, wohlhabender Eanfinaim, war etwa 15 Jahre verheiratet, 4 Kinder, hat in seiner Jngend, während der Ehe und auch nach dem Tode der Frau viel h.-s. verkehrt. Lebte sehr unglücklich mit seiner Frau, die seine Homosexualität ent- deckte; behandelte sie sehr schlecht. Ein Sohn ertränkte sich, vermutlich aus Kummer über die bei seinem Vater bemerkte Leidenschaft.

9. W., Bureauvorsteher, 50 Jahre, sehr frommer und ange- sehener Familienvater, 5 Kinder. Hat von Jugend auf mit Männern, besonders Soldaten mutuell masturbiert. War in grosser Angst, ob er seiner Frau beiwohnen könnte, es gelang, doch wurde der gleichgeschlechtliche Verkehr fortgesetzt. Er lebt gut mit der nichts ahnenden Frau.

10. S., besserer Kau^ann, 53 Jahre, 2 Kinder. Vor der Ehe homosexualer Verkehr, ebenso nach der Heirat, doch nur selten. Ein Erpressungsfall zwang ihn, als Zeuge vor Gericht zu erscheinen, seitdem noch vorsichtiger. Vor mehreren Jahren verliebte er sich in einen jungen Mann aus einer Bürgersfamilie, mit dem er verkehrte; erklärt, er hätte niemals geheiratet, wenn er den jungen Mann früher gekannt hätte. Seit einiger Zeit hat er mit dem jungen Mann gebrochen, weil er fürchtet, er könne sich kompromittieren und die Zukunft seiner im heiratsfähigen Alter befindlichen Tochter gefährden.

11. E., 44 Jahr, Novellist, kinderlos, hat vor seiner Heirat ungefähr vier Mal Verhältnisse mit Frauen gehabt, stets gebildete Weltdamen, ohne aber jemals eine besondere Leidenschaft für das Weib empfanden zu haben. Von jeher Neigung zum Manne, wurde sich aber über seine Gefühle erst nach der Hochzeit klar. Seitdem mannmännlicher Verkehr, obgleich selten, da sehr vor- sichtig und nicht sehr bedürftig. Etwas feminines Wesen. Mit seiner Frau, die auch nicht bedürftig, seltenen, mit anderen Frauen nach der Ehe keinen sexuellen Umgang. Das harmonische Zu- sammenleben mit seiner geistig und gesellschaftlich gut zu ihm passenden Frau wird durch seine diskreten und vorübergehenden Abenteuer mit Männern nicht berührt.

12. Seh., Versicherungsbeamter, kinderlos, 32 Jahr. Hat vor der Ehe nie ein Weib berührt, dagegen mit Männern geschlecht- lich verkehrt, namentlich mit einem Studenten ein leidenschaft- liches Verhältnis gehabt. Er liebt seine jetzige Frau geistig, aber auch sinnlich, glaubt in ihr das Ideal einer Frau gefunden zu haben; leider gestattet ihr Gesundheitszustand nur selten den

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Coitus. Wäre derselbe regelmässig möglich, so meint er der Männerliebe entsagen zu können. So aber verkehrt er noch homosexnal, namentlich auf Reisen. Verkehr mit einer anderen Frau würde er als unmoralisch empfinden, während ihm seine homosexuellen Beziehungen nicht als Untreue erscheinen. Gebildet und ideal veranlagt, lebt er glücklich mit seiner ahnungslosen Gattin, die er auf Händen trägt.

13. 0., Arbeiter, 30 Jahr, 1 Kind. Vor der Ehe niemals mit einer Frau verkehrt, aber sehr häufig homosexual, setzt den gleich- geschlechtlichen Verkehr auch nach der Ehe fort. Erst zwei Jahre verheiratet, erklärt er, dass er die Heirat bereue, trotzdem er mit seiner „herzensguten^ Frau in bestem Einvernehmen lebt. Der Coitus mit ihr war ihm anfangs nicht unangenehm, doch empfand er nie die Befriedigung, wie in dem ihm normalen Ver- kehr mit dem Manne; er cohabitiert sein Weib im Monat zwei- mal „weil man dies in der Ehe thun müsse^, das Verlangen nach häufigerem Verkehr weist er mit Ausflüchten „zu grosser Müdigkeit« u. dgl. ab.

14. Ein Herr W., normalsexueller, völlig gesunder Architekt, will sich von seiner Frau wegen „Verkehrs mit dem Dienst- mädchen« scheiden lassen, er wünscht von mir ein Gutachten, dass, da seine Frau zweifellos homosexuell, der geschlechtliche Verkehr ihrerseits mit dem Weibe dem Ehebruch gleichzusetzen sei. Frau Elise W. geb. D., 26 Jahr, aus Berlin, ist seit 4 Jahren verheiratet. Ihr Grossvater von B. sehr exzentrisch, Alkoholist, mit starkem Hang zur Vagabondage, wurde als Amtsrichter seines Amtes entsetzt. Elise ähnelt äusserlich diesem Grossvater. Ihr Vater sehr jähzornig. Sie litt als Kind an Krämpfen, Bettnässen, Kauen an den Fingernägeln, hatte ausgesprochene Abneigung gegen Puppenspiele, liebte Schneeballwerfen, Kaufen mit Jungen, hatte besonderes Interesse für Rechnen und Mathematik, schon auf der Schule deutliche Neigung für schwache, zierliche, weibliche Personen.

Gegenwärtiger Zustand: a. Elnochengerüst nicht besonders kräftig, Becken schmal, Schädel breit, Körperkonturen eckig Kjiochen treten hervor, Oberarm zylindrisch abgeflacht, Ober- schenkel schlank, Hände schmal, robust, lebhafter, mehr männ- licher Händedruck, Muskulatur schwach aber fest. Schritte fest, gravitätisch, schnell, kann pfeifen, unreiner Teint, Brüste sehr wenig entwickelt, Haupthaar schwach, Haartracht ungeordnet leichter Bartflaum, grosse Ohren, ruhiger „herausfordernder" Blick,

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männlicher Gesichtstypus, laute Sprache, kann nicht singen, Töne werden in tiefer Alt- fast Bassstimme hervorgebracht. Sie leidet an Schwindel, Herzklopfen, häufigem Farbenwechsel, unruhigem Schlaf, steht nachts oft auf, ahmt während des Schlafs häufig die Bewegungen des Mannes beim coitus nach.

b. Gemütsleben mehr männlich, für Freude und Schmers^ wenig empfänglich, Familiensinn gering, hatte sehnlichsten Wunsch^ von Kindern frei zu bleiben. Als im Anfang der Ehe die Periode ausblieb, gab sie sich grösste Mühe durch fortwährendes Beiten^ Badfahren und Bergsteigen dieselbe „wiederzubekommen^, was auch gelang. Sehr heftig, erregbar, ehrgeizig, Uebertreibung der Personalität ; herrschsüchtig, ausgesprochener Hang zum Wohl- leben, sehr starker Trieb zum Vagabundieren. Elise blieb nie Nachmittags zu Hause, sondern bummelte zwischen 3 und 8 Uhr durch die Strassen Berlins. Nach häuslichen Szenen bestieg sie sofort das Bad, um tagelang nicht nach Hause zu kommen. Geistige Bildung im allgemeinen oberflächlich, sie studiert am liebsten Prozesse, verfasst selbst Klagen, mit Begierde las sie Darwins Werke, sie ist sehr veranlagt f tir Mathematik, künstlerische,^ litterarische Neigungen und Fähigkeiten sind kaum vorhanden. Vor- liebe für Pferde, Sport, Schiessen, sie interessiert sich für Techniker- und Seemannsberuf, bevorzugt enganliegende Kleidung, die Schrift würde man für die eines Mannes halten.

c. Stets entschiedene Neigung zu Personen desselben Ge- schlechts, Liebesträume bezogen sich ausschliesslich auf weibliche Personen. In den Museen und Galerieen suchte sie besonder» nach nackten Göttinnen. Vor dem normalen Coitus starker Wider- wille, sie fühlte sich durchaus unbefriedigt, erklärte schon in den Flitterwochen, sie könne nicht begreifen, „was man dabei finden könne", sie verlangte von ihrem Manne, dass er nicht incubus^ sondern succubus, sie selbst aktiv sei. Der geschlechtslose Um- gang mit Damen war sehr geniert, sie verkehrte ungern mit Frauen der besseren Gesellschaft. Bei einer grösseren Badpartie nach Fr. nahmen Damen teil, die zurück einen Wagen benutzten^ sie weigerte sich dem Manne gegenüber energisch, mit einzu- steigen, „weil sie sich geniere" und fuhr zu seinem Verdruss den ganzen Weg mit dem Bade als einzige Dame unter 12 Herren. Der sexuelle Verkehr wurde bereits im Eltemhause am liebsten mit Dienstmädchen gepflogen. In der Ehe dauerte die Homosexualität unverändert fort. Sie nahm besonder» kleine, zarte Dienstmädchen, die sie bald völlig beherrschte. Der Mann, welcher bis zur Ehe überhaupt nichts vom Wesen der

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konträren Sexualität kannte, wurde erst aufmerksam, als er wieder- holt bei unverhofftem Eintreten in seine Wohnung die Frau mit dem Dienstmädchen umschlungen oder letztere zu Füssen der Frau fand. Die Frau hielt sich mit Vorliebe im Zimmer des Dienstmädchens auf. Schliesslich setzte sie es durch, dass der Mann das gemeinsame Schlafzimmer mit seiner Frau aufgab. Sie nahm dann bald das Dienstmädchen in das Schlafzimmer und ver- weigerte dem Manne jeglichen Eintritt. Die noch schwebende Ehescheidung ist erschwert, da das neue bürgerliche Gesetzbuch, gegenseitige Abneigung und Einwilligung nicht mehr als Schei- dungsgrund anerkennt und Ehebruch einer Frau mit einer Frau nicht vorgesehen ist.

Ist, wie wir sehen, die Hoffnung, dass die H.-S. in der Ehe und durch die Ehe schwindet, fast stets eine trügerische, so ist die Enttäuschung bei einem weiteren Grunde, welcher viele Urninge zur Heirat veranlasst, bei dem Verlangen nach eigenem Hausstand keine so all- gemeine. Wie den meisten Menschen, so ist auch dem umischen eine tief innere Sehnsucht eingepflanzt, mit einer geliebten Person zusammenzuleben, mit welcher er Freuden und Leiden, Gedanken und Empfindungen teilen kann. Namentlich wenn die Betreffenden älter werden, feste- Lebensstellungen errungen haben, in Amt und Würden sind, macht sich häufig das Gefühl der Vereinsamung- geltend, wenn sie die gleichaltrigen Freunde und Ge- nossen einen nach dem andern ihr Weib heimführen sehen. Es kommt hinzu, dass sehr viele Urninge gerade- einen ausgesprochenen Familiensinn besitzen, ein hohes Verständnis für das stille, friedliche Glück des eigenen Herdes. Deshalb glauben Unkundige von ihnen auch vielfach, dass sie ganz besonders 'gute Ehemänner ab- geben würden. Ein konträrsexueller Herr schrieb uns: «Der Anblick glücklich wandelnder Paare, ja, das Be- trachten eines Bildes, auf welchem bräutliches oder Familienglück dargestellt ist, konnte mich ofl unter aus- brechenden Thränen in die Einsamkeit jagen.*

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Bei der ürninde ist dieser häusliche Sinn bei weitem nicht so stark entwickelt, vor allem ist der elterliche Instinkt bei ihr gewöhnlich nur in sehr geringem Grade vorhanden, sie macht sich nichts aus Kindern, doch wird bei ihr der Trieb nach eigenem Heim vielfach ersetzt durch den natürlichen Wunsch, versorgt zu sein. Ein Umstand wirkt jedoch bei beiden günstig, das Verständ- nis, welches der homosexuelle Teil für die Interessen des anderen durch seine Veranlagung besitzt, der Urning für die Toiletten, die Küche der Frau, die Uminde für den Beruf des Mannes, seinen Sport, seine Politik. Diese Interessengemeinschaflb ist oft stark genug, auf die Dauer ein erträgliches Zusammenleben herbeizuführen, voraus- gesetzt, dass der normale Teil nicht besonders sinnlich veranlagt ist, es bildet sich ein freundschaftliches Ver- hältnis heraus, wie zwischen Kameraden, zwischen Bruder und Schwester, ein leidenschaftsloses Glück, oft noch er- hellt durch den Glanz, den strahlende Kinderaugen über ein Haus auszubreiten vermögen.

Das Verlangen nach Kindern ist beim Urning viel grösser und häufiger, wie bei der Uminde. Allerdings entspringt dasselbe nicht einem instinktiven Fortpflanzungs- trieb, sondern der naiven Zuneigung für Kinder, oft auch einem stark pädagogischen Hang, der namentlich vielen supervirilen Urningen eigen ist. Der Wunsch, Nach- kommen zu besitzen, fällt beim Eingehen einer Ehe für den Urning noch mehr ins Gewicht, wenn er der Geburts- oder Geldaristokratie oder gar einem regierenden Hause angehört, sodass die ganze Familie auf den Erben harrt, der die Dynastie, das Geschlecht, die bedeutende Firma fortsetzen soll. Nur wenige besitzen den Mut, in letzter Stunde zurück zu treten, wie Ludwig II. von Bayern gegenüber der von ihm aufrichtig verehrten Braut Herzogin Sophie in Bayern, der sp|lteren Alen9on. Nicht selten dagegen sind bei diesen konventionellen Ehen die Fälle

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von „rätselhaftein'' Selbstmord am Tage vor oder nach der Hochzeit.

Den soeben genannten schliessen sich die vielen Homosexuellen an^ welche aus Repräsentationsgründen heiraten ^mussten", weil sie für ihre gesellschaftliche Stellung, in ihrem Stande, ihrem Geschäft notwendiger- weise eine Frau brauchten.

In noch höherem Maase sind praktische Gesichts- punkte bei denjenigen Urningen massgebend, und leider giebt es auch deren mehr als genug welche um der Mitgift willen heiraten. Wiederholt haben uns Homo- sexuelle mitgeteilt, sie würden keine Ehe eingegangen sein, wenn sie nicht gezwungen gewesen wären, standes- gemäss au£eutreten oder ihre Schulden zu decken, „sich zu arrangieren'', wie der terminus technicus lautet; sie nahmen nicht das Mädchen mit Geld, sondern das Geld mit dem Mädohen. In ähnlicher Weise lassen sich auch Uminden durch Rang und Titel des Bewerbers be- stimmen, der Stimme ihres Herzens entgegen zu handeln. Gewiss ist es oft schwer, standhaft zu bleiben, wenn die Vennittler mit den ^ glänzenden Vorschlägen* kommen, allein, sind diese materiellen Gründe bei den Heterosexu- ellen schon nicht zu billigen, so stellen sie bei den homo- sexuell Empfindenden ein grosses Unrecht dar.

Einige Urninge gaben uns endlich noch als Grund an, sie hätten geheiratet, um nicht für homosexuell ge- halten zu werden, ein sonderbarer Grund, aber immerhin verständlich, wenn man die Auffassung bedenkt, welche die öffentliche Meinung noch heute vielfach dem ur- nischen Phaenomen gegenüber einnimmt. Namentlich in kleinen Städten kommen ältere Junggesellen, welche viel mit jungen Leuten verkehren und etwas «Mamselliges* an sich haben, leicht in den Verdacht, «Päderasten** zu sein. Schrieb doch ein sehr bekannter Schriftsteller, als ihm die Eingabe zur Abschaffung des Umingsparagraphen

Jahrbach HI. d.

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vorgelegt wurde, der einzige Grund, weshalb er nicht unterschriebe, wäre, weil er «noch unverheiratet* sei.

Alle die genannten Gründe, welche die HomosexualcD zur Heirat veranlassen, entsprechen dem Zweck der Ehe nur insofern, als diese eine wirtschaftliche Verbindung darstellt im Sinne des Allgemeinen preussischen Land- rechts, welches den Satz aufstellte: „auch zur wechsel- seitigen Unterstützung allein kann eine giltige Ehe ge- schlossen werden*; sie entsprechen aber nicht dem natür- lichen Grund, auf welchen die wirtschaftliche Vereinigung sich stützen muss. Die Ehe soll ein Bund sein, welchen Mann und Weib zur Befriedigung eines Naturtriebs aus gegenseitiger Liebe eingehen. Die Liebe ist ja nach Plato nichts anderes als der Wunsch nach genauester Vereinigung mit dem geliebten Gegenstand, und mit vollstem Beoht behauptet Paul Mongre in seinem Buche «Aus der Landschaft Zarathustras*: „reine Konvenienz- heirat ist Sünde gegen die Natur, ist widernatürlich. Wie sich die Elemente im Alltagszustand nicht verbinden^ sondern nur unter erhöhtem Druck, erhöhter Temperatur^ 80 bedarf auch die eheliche Verbindung einer gewissen Erotik.*

An und für sich ausführbar ist allerdings die ge- schlechtliche Vereinigung auch ohne sinnlichen Trieb. Dafür liegen zweifellose Beweise vor, nicht nur von kon- trär Veranlagten, sondern auch von normal Empfindenden sowie monosexuellen und sexuell anästhetischen. Beim Weibe ist das angesichts ihrer anatomischen und physio- logischen Einrichtung ohne weiteres klar; sie kann den Geschlechtsakt des Mannes dulden, wenn sie selbst auch nichts dabei empfindet, ja sogar in der Hingabe an einen ihr widerwärtigen Mann schwere seelische Qualen leidet. Anders beim Manne, wo die potentia coeundi an die Erektionsfähigkeit geknüpft ist. Eine beträchtliche An- zahl von Urningen, namentlich stark femininer, besitzt

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dieselbe dem Weibe gegenüber nicht, alle diesbezüglichen Versuche fallen fruchtlos aus, aber sehr viele Homo- sexuelle sind doch imstande, den normalen Akt zu voll- ziehen. Nicht immer ist dazu ein heterosexuelles Budi- ment erforderlich. Manche Autoren neigen dazu, jeden verheirateten Urning für bisexuell, für einen psychischen Hermaphroditen zu halten. Das ist nicht richtig. Nur solche verdienen die Bezeichnung bisexuell, welche beiden Geschlechtern gegenüber libido und Orgasmus empfinden, das ist nach unserer Erfahrung fast nur in der bereits oben erwähnten Gruppe der Fall, bei welcher nicht das Geschlecht, sondern der Typus das Entscheidende ist. Bei verheirateten Urningen kann selten von eigentlicher libido die Bede sein. Die erforderliche Blutfüllung der Corpora cavernosa penis wird bei vielen leicht durch mechanische Beizungen, bei andern durch künstliche Vorstellung, durch eine Selbstvorspiegelung falscher Thatsachen hervorgerufen. Zahlreiche H.-S. geben an, dass sie mid zwar häufig unter grosser WiUens- anstrengung beim heterosexuellen Akt an Personen des- selben Geschlechts denken, einer berichtete, dass er sich hierbei männlicher Kosenamen bediene, wie «mein Hans'*, ein anderer, verheirateter Urning von ungewöhnlicher geistiger Bildung, schreibt folgende beachtenswerte Zeilen: «So siedend heiss das Blut bei dem Anblick eines wahr- haft GeUebten strömt, so träge rinnt es in einem er- zwungenen Bunde. Wehe dem Armen, dem die tausend abstossenden intima eines gemmnsamen Schlafraumes, bei denen der Geruch nicht die kleinste Bolle, spielt, die Augen öfihen über vorher nicht geahnte Einflüsse. Kleine eheliche Verstimmungen werden am besten überwunden, wenn die Macht der allgewaltigen Liebe in stiller Stunde ihre Triebkraft entfaltet und Koseworte ungesucht auf die Lippen treten. Erwarte diese Wirkung nicht

bei einer Pflichterfüllung, zu der Du Dich

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anständiger- oder mitleidigerweise wieder ein- mal nach demKalender entschliessen musstesty selten zu Beginn der Nachtruhe, sondern meist erst, wenn Du in einem Liebestraum nach Deiner Art in der nötigen Verfassung aufwachst Sage niemand, das seien frivole Enthüllungen, nein es sind zu ernster Warnung aufgedeckte drakonische Naturgesetze, die oft das Glück eines armen betrogenen Weibes zermalmen, ganz abge- sehen von dem schon durch ein Leben der Qualen mürbe gemachten Mann. Wohl fehlt einer ehrbaren Frau der Vergleich, aber ein volles Glücksgefühl kann ihr solche Vereinigung nicht bringen und je feinfühliger sie ist, desto mehr wird sie eine ihr, wenn auch noch so heroisch verborgene Lebensuntiefe des geliebten Mannes ahnen und leiden. Warnen, auf das inständigste warnen lasse sich jeder Homosexuelle, eine Ehe einzugehen. Es ist die lähmendste Unwahrheit und Unwürdigkeit, und da in den meisten Fällen aus hundert Bücksichten keine Be- freiung möglich ist, im innersten ein tägliches Fegefeuer/'

Ebensowenig wie die libido gleicht der Orgasmus der Urninge beim coitus demjenigen, wie er bei dem ihrer Natur entsprechenden Verkehr eintritt. Man hat die rein mechanische geschlechtliche Vereinigung als onania per vaginam bezeichnet. Dieser Ausdruck erreicht bei H.-S. die Wahrheit nicht. Nach übereinstimmender Schilderung empfanden dieselben bei früher geübter Automasturbation wesentlich mehr voluptas als beim coitus, wo sie nur eine abgestumpfte Empfindung der eintretenden Ejakulation verspüren, ein Patient vergleicht dieses Gefühl mit dem, welches man in ^eingeschlafenen Füssen^ wahrnimmt. Auch von Urninden liegen uns ähnliche Mitteilungen vor.

Auch das Verhalten post coitum ist bei männ- lichen und weiblichen H.-S. sehr charakteristisch. Während sich unter normalen Verhältnissen nach be- endetem Akt ein Gefühl von Ruhe, Wohlbehagen, einer

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gewissen Glückseligkeit bemerkbar macht, berichten die H.-8. von Empfindungen des Widerwillens, Ekels, grosser Zerscfalagenheit und Selbstunzufriedenheit; ver- schiedene geben an , dass sie unmittelbar nach dem Verkehr geradezu von Hass und Abscheu für den andern Teil erfüllt waren.

Für die H.-S. gelten in ganz besonderem Maasse die Worte, welche Mantegazza in der Physiologie der Liebe im Kapitel über ^die eheliche Pflicht* im allge- meinen ausspricht: «Es giebt wohl keine grössere Tortur als die, welche ein menschliches Wesen zwingt, sich die Liebkosungen einer ungeliebten Person gefallen zu lassen/' Was dem einen zur Lust ist, ist dem andern zur Last. Welche peinlichen, oft verzweifelten Situationen entstehen, wenn der umische Teil nicht die geringste Neigung zum Geschlechtsverkehr hat, während der andere sich danach sehnt, bedarf nicht näherer Ausführung. Wohl lässt auch in den Ehen Normalsexueller die gegenseitige Anziehung oft viel zu wünschen übrig, aber nie ist doch der seelische und geschlechtliche Unterschied zwischen den Ehegatten in diesen ein so grosser wie in Urnings-Ehen.

Aus einem unbestimmten Schuldbewusstsein heraus giebt sich der umische Teil vielfach Mühe, dem anderen Liebe und Zuneigung zu bekunden, die in Wirklichkeit nicht vorhanden ist, aber instinktiv fühlt doch der eine, wenn ihm auch die anormalen Neigimgen des anderen unbekannt sind, dieses heraus und klagt über Nicht- verstandensein, Vernachlässigung, Kälte. Es fehlt eben die wechselseitige Durchdringung der zwei, welche nach Kant erst das ganze Menschenwesen bilden. Namentlich das normale Weib mag in der Liebe nichts Halbes, wer sie nicht stark und mächtig umfängt, wird von ihr nicht geachtet. Ans der Gleichgiltigkeit entsteht die Lange- weile, aus Langeweile innere Entfremdung, wenn nicht gar Hass.

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Der Homosexuelle bringt aber noch die Gefahr eines die Ehefrau in Mitleidenschaft ziehenden Skandals mit in die Ehe. Der Hochzeitstag bietet der homosexuellen Leidenschaft und ihrer Bethätigung fast niemals Halt. Legt der Urning sich Schranken auf^ so trägt er stets ein unbefriedigtes Gefühl mit sich herum^ folgt er seinem Triebe^ so kann er nicht nur sich und seine Angehörigen^ sondern auch seine Frau und deren Familie in grösste soziale Unannehmlichkeiten stürzen. Aus diesem qual- vollen Konflikt entspringen oft die traurigsten Folgen. Wir kennen nach dieser Richtung den Fall einer in Deutschland sehr bekannten Persönlichkeit. Der Be- treffende verehrt seine Frau ausserordentlich und hat auch anfangs mit ihr geschlechtlich verkehren können. Seit Jahr und Tag lebt er in fortwährender Besorgnis, dass seine umische Neigung ihn zu irgend einer Unbe- sonnenheit hinteissen, der § 175 ihn ins Unglück stürzen könne, wobei er immer die Frau im Auge hat. Tem- peramentvoll wie er ist, konnte er nicht allen Versu- chungen aus dem Wege gehen und verlebt oft Zeiten grösster Kämpfe. Glücklicherweise gestatten die Ver- hältnisse grössere Reisen und häufigen Wechsel des Aufenthaltes, aber die ewigen Angstgefühle und das Unterdrücken der eigenen Natur, die er nicht zum Schweigen bringen kann, erzeugten Nervenstörungen, die sich vor allem in Schlaflosigkeit und hochgradigen hy- sterischen Anfällen äussern.

Ein sehr wichtiger Faktor für eheliches Glück sind Kinder, deren Pflege, Erziehung und Versorgung fort- gesetzte Ablenkung und Beschäftigung bringen. Besitzen Urninge die potentia coeundi, so pflegt auch die potentia generandi meist vorhanden zu sein. Nur stark feminine Männer, besonders Gynäkomasten und vor allem sehr virile Uminden sind nach unserer Erfahrung gewöhnlich unfruchtbar. In Ehen mit urnischen Frauen beobachteten

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wir häufiger Kinderlosigkeit^ als in Ehen homosexueller Männer mit normalen Frauen. Fehlen Kinder, so fehlt das stärkste Bindeglied zwischen den Ehegatten. Die normal empfindende kinderlose Frau ist zudem in ihrem unerfüllten Sehnen den Andeutungen gefälliger Zuträger leichter zugänglich, sie grübelt mehr, und bei ihr ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie von dritter Seite über die wahre Natur des Mannes aufgeklärt sich in Zorn von ihm wendet.

Und doch ist es schwer zu entscheiden, ob in Urnings- ehen der Besitz oder der Mangel von Nachkommen das wünschenswertere ist. Ganz abgesehen davon, dass auch die Söhne und Töchter von dem Skandal betroffen werden können, mit welchem der > homosexuelle Vater stets zu rechnen hat, sind hier die Gesetze der Vererbung sehr zu berücksichtigen. Denn nicht gering ist die Wahr- scheinlichkeit, dass von Urningen und Uminden Kinder und Enkel stammen, welche ein ähnliches Schicksal mit auf die Welt bringen, als die Vorfahren tragen mussten. Und sind die Nachkommen auch nicht selbst homosexuell, so sind sie doch stets hereditär belastet. Es ist zweifel- los, dasi^ es unter den konträrsexüellen ' viele gesunde und kräftige Menschen giebt, aber ebenso sicher ist es, dass die Homosexualität vor allem auf dem Boden neu- ropathischer Familiendisposition gedeiht. Dafür sprechen die übereinstimmenden Familienanamnesen, in welchen wir fast nie die mannigfachsten nervösen und psychischen Störungen vermissen, dafür spricht das so häufige Vor- kommen urnischer Geschwisterpaare. Unter den wenigen Nachkommen urnischer Frauen, die ich prüfen konnte, fanden sich mehrere homosexuelle junge Männer. Ich will aus meinem Material die Familiengeschichte heraus- greifen, welche mir Graf E] zur Verfügung stellte, sie ist eine der lehrreichsten Beispiele für die Macht der Vererbung. Ich will betonen, dass an der Wahrhaftig-

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keit der Angaben nicht zu zweifeln ist^ nur manches gar zu Krasse weggelassen wurde, weil es nach des Patienten eigenem Ausspruch die Satyren 2, 6 und 9 des Juvenal weit überbieten würde.

Graf R, jetzt 28 Jahr, war ein stilles, sehr frühreifes Kind^ das mit 6 Jahren dentsoh, englisch, französisch nnd slovakisch fliessend sprach und sich mit Vorliebe in der Privatbibliothek aufhielt, welche 8000 Bände umfasste. Sein Urgrossvater mütter- licherseits war ein überaus jähzorniger Mann, er besass einen Kammerdiener, an dem er mit so zärtlicher liebe hing, dass er deshalb für geistesschwach galt. Aus seiner Ehe mit der sehr hochmütigen, sozial TÖllig „untraktabelen'^ Urgrossmutter gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor. Der älteste Sohn, ein sehr, yersohlossener, von Menschenhass erfüllter Charakter hatte fünf Kinder, von diesen starb der älteste Sohn an Bückenmarks- schwindsucht „trotz wiederholter Besuche des heiligen Wassers von Lourdes'^, der zweite war von so furchtbarer Härte und so grossem Geiz, dass seine Kinder gezwungen waren, wegen mangel- hafter Verköstigung und unwürdiger Behandlung das Elternhaus zu verlassen. Aehnliche Eigenschaften zeigte eine Tochter, die einen schwachsinnigen Sohn hatte, eine zweite überaus religiöse Tochter war an einen rein homosexuellen Mann verheiratet, der sie auch nicht ein einziges Mal berührte, die jüngste Tochter endlich war so religiös, dass sie sich in eine eigens gebaute Klausnerhütte einsperrte, sich blutig geisselte und oft acht Tage lang nur Wasser und Brot ass. Die einzige Tochter des Urgross- vaters litt an einem chronischen Gesichtsausschlag und kam nur ihrer hohen Mitgift wegen an einen Mann, der verarmt und Alko- holiker war. Ihrer Ehe entstammte ein Sohn und vier Töchter. Der Sohn mit einem Zungenpolyp behaftet, erkrankte an Syphilis, steckte seine Frau an und erzeugte einen schwachsinnigen Sohn, der nur lallende Laute stammelt, und eine völlig gelähmte Tochter, deren eines Auge syphilitisch zerstört ist. Die älteste Tochter hatte ein ganz männliches Gebahren. Sie war so menschenfeind- lich und grausam, dass die Bauern sie 1848 ermorden wollten und ihr mehrere Kugeln in den Rücken schössen. Sie marterte eine kleine Stieftochter in haarsträubender Weise zu Tode, um sich in den Besitz ihres Vermögens zu setzen. Die infolgedessen anhängig gemachte gerichtliche Untersuchung wurde sistiert. Wegen eines geringfügigen Vergehens lässt sie ihr Dienstmädchen 300 mal die Treppen des 4 Stock hohen Schlosses auf- und nieder-

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steigen. Als die Unglüokliche beim 285 male zusammenbricht^ ohrfeigt sie dieselbe mit Vehemenz. Sie ist ausserdem von grösstem Geiz beseelt. Der Sohn dieser Frau Hess als Leutnant die Stallwaohe von 2 anderen Soldaten auf sein Kommando so- lange prügeln, bis dieselbe ohnmächtig zusammen sank. Dann zertrat er ihr mit den Stiefelabsätzen das Gesicht, bis es eine unkenntliche, blutige Masse bildete. Der Grund war: Die Stall- wache hatte nicht salutiert« Er wurde infam cassiert und zu 20 Jahren Festung verurteilt, jedoch nach 7 Jahren aus der Haft entlassen. Von den drei anderen Töchtern der Urgrosstante ist die eine höchst wahrscheinlich homosexuell, sie hasst die Männer, blieb ledig und lebt seit 40 Jahren intim mit einer Dienerin, die nächste ist wegen ihrer Boshaftigkeit allgemein gefürchtet und gemieden, die jüngste wurde als fünfzehnjähriges Mädchen er- tappt, wie sie bei einer Gasttafel von 60 Personen einen jungen Of&zier unter der Tischdecke onanisierte.

Wir kommen nun zum zweiten Sohne des Urgrossvaters, dem Grossvater unseres Grafen R. Dieser war so jähzornig, dass er wiederholt Wilderer eigenhändig niederschoss, den Patronatspfarrer wegen Meinungsverschiedenheiten zum Fenster des Schlossturmes hinaus warf. Er war masslos im Begehren nach dem Weibe, wurde mit Gewalt von einem Incest zurückgehalten, den er mit seiner Tochter begehen wollte. Er ging schliesslich nach Ver- schwendung des 10 Millionen Gulden betragenden Vermögens an Gehirnerweichung zu Grunde. Von den zahlreichen Kindern dieses Mannes war der älteste Sohn sehr ausschweifend mit einer nicht weniger ausschweifenden Frau, illegitimen Kinde aus höchstem Hause, verheiratet. Aus der Ehe, welche später gelöst wurde, gingen 2 Kinder hervor. Der Sohn war ein Taugenichts, er wurde aus der Schule entfernt, weil er in der dritten Lateinklasse dem Professor vor den Kameraden hinterrücks ins Gesicht urinierte, zur Besserung nach Australien geschickt, brachte er es später doch noch durch Protektion mit grossen Kosten zum Reiteroffizier. Seine Schwester stürzte sich, ihren eigenen Sohn und einen 18jährigen Kadetten, den sie liebte, bei Sturm vom Segelboot ins Meer, aus Verzweiflung und Eifersucht, weil der Kadett ihrem Sohne mehrzugethan war. Sie und der Kadett ertranken. Der ge- rettete Sohn gab an, dass seine Mutter ihn noch im Wasser zu erwtbrgen versuchte. Der zweite Sohn des Grossvaters hat Ver- folgnngs Wahnideen, er hält sich in Wien vier Wohnungen, jede mit Doppelausgang.

Das dritte Kind des Grossvaters war die Mutter des Grafen

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B., sie fühlte sich bis zum 25. Jahr nur von Mädchen angezogen. Ans der Zeit ihrer Ehe, die im 63. Lebensjahre getrennt wnrde, sind homosexuelle Akte nicht bekannt, später scheint die alte Neigung wieder stärker aufgetreten zu sein; sie war litterarisch sehr begabt, ungemein wülensstark, überstand 5 schwere Geburten, bei zweien trat Tetanus ein. Sie war von enormer Korpulenz und starb an Kierenwassersucht Von den jüngeren Brüdern der Mutter ist einer Junggeselle und starker Sonderling, er ttdpierte dreimal handschriftlich die ganze Bibel, ein anderw, der sehr aus- schweifend lebt, macht einen schwachsinnigen Eindruck, er liebt esy auf offener Strasse ganz unbekannten Damen Blumenstriiusse zu überreich^ welche ein angenommener Junge im offenen Korbe nachtragen muss. Er hat zwei Töchter, welche in eine ge- richtliche Untersuchung yer¥nckelt wurden, weil sie bei einer gegenseitig vorgenommenen homosexuellen Handlung betroffen wurden. Die Untersuchung wurde niedergeschlagen. Ein letzer Onkel mütterlicherseits war so jähzornig wie sein Vater, ausser- dem derart hochmütig, dass er als jimger-Mann aus dem Institut entfernt werden musste, weil er sich konsequent weigerte, die Professoren zu grüssen. Die beiden Kinder, welche er besass nahmen sich an einem Tage das Leben, der Sohn erhängte sich auf dem Dachboden, das Mädchen stürzte sich mit einem Stein um die Hüften in den tiefen Schlossteich. In einem hinterlassenen Schreiben . geben sie an, „sie wollten sehen, welcher Tod ange- nehmer sei". Von den beiden Schwestern der Mutter trieb die eine geschlechtliohe Ausschweifungen aller Art mit Männern, sie lebte in kinderloser Ehe mit dem . Vetter, von welchen wir oben berichteten, dass er an Bückenmarksdarre starb. Sie tritt schliess- lich unter päpstlichem Dispens als Nonne in den sacre-coeur Orden, nachdem sie ihr halbes Vermögen Leo XIII. in goldener Kassette geopfert hatte. Ihr linkes Ohr ist- von Lupus zerfressen. Die jüngste Schwester der Mutter blieb aus „Schamhaftigkeit" jungfräulich. Sie war eine geistig hochbedeutende Persönlich- keit, sehr geschätzt vom Fürsten Bi«marck) ausgezeichnet durch Ideenreichtum, Originalität und Beherrschung der Philosophie. Nur in religiöser Hinsicht war sie so extrem, dass sie sich mitten im Winter mit einem Büsserhemde bekleidet 14 Tage und 14 Nächte mit geringen Unterbrechungen auf ein eigens dazu ver- fertigtes Kreuz legte, das vor dem Hochaltar der kalten Schloss- kapelle angebracht war.

Auch die väterliche Familie ist reich an Abnormitäten. Der Vater des Vaters war Kleptomane. „Kein silberner Löffel, kein

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Bing'' war vor ihm sicher. Er verschwendete in wenigen Jahren 2 Millionen Gulden. Seine Frau war hochgebildet, geistreich, aber 80 frivol, dass sie sich jedem beliebigen Jklanne hingab. Die Moral nannte sie „ein undeutsche» Wort ohne Inhalt. '^ Der älteste Sohn dieses Ehepaares wurde bei einer Skandalaffäre vom Gatten der beteiligten Dame getötet, der zweite, der Vater des Grafen, war überwiegend homose^cuell. Sogar in der besten Zeit der Ehe war längere Zeit die erste Person im Hause ein junger Bursche, den er als Kutscher aufgenommen hatte und in dessen Zimmer er stundenlang verweilte. Vor allem liebte er schwärmerisch seinen Halbbruder, welchem er die grössten Opfer brachte. Die Frau desselben, welche ihm nachstellte, wies er derb zurück. Der Halbbruder besitzt 13 Kinder, meist Priester und Nonnen mit teilweise konträrem Empfinden. Der Vater ist ausserdem Alko- holist, und ist jetzt nach 30 Jahren stärkster Ausschweifungen und zeitweiliger Intemierung in Anstalten völlig paralysiert. Seine vier Söhne, von denen Graf R. der dritte ist, sind ohne Aus- nahme konträrsexueU.

Der älteste ist zugleich Stiefelfetischist. Er hat hundertund- achtzehn bemerkenswert hohe Stiefelpaare. Ein Mann ohne Stiefel übt keine Anziehungskraft aus, wohl aber der Stiefel ohne Bursch, besonders interessiert er' sich für die Knöchelfalten. Trotzdem er ein überaus wohlhabender Mann ist, schmiert und putzt er die Stiefel eigenhändig und entfernt etwaigen Staub mit Hülfe kost- barer Seidentücher. Es war das schon in jungen Jahren beim Militär seine Freude, wo er sich den Kameraden als Stiefelputzer aufdrängte. Die mit bestem Gänsefett geschmierten lieblings- paare werden mit ins Bett genommen. Ein Weib per vaginam zu gebrauchen ist ihm total unmöglich, er fühlt sich, zu Burschen niedersten, Standes hingezogen. Sein Geruchssinn zeigt merk- würdige Anomalien. Seine sexuelle voluptas wird durch nichts so angeregt wie durch flatus der nur mit Stiefel bekleideten Burschen, er veranlasst daher dieselben gegen gute Bezahlung schon tagelang vorher Bohnen, Sauerkraut und Knobel zu ge- messen. Dagegen ist ihm der Geruch des Franenkörpers so zu- wider, dass er, wenn er seine Nähe nicht meiden kann, Kampfer schnupft. Auf einem Hofball liess er seine Tänzerm Herzogin H. plötzlich zu allgemeiner Verwunderung im Saale stehen und eilte nach Hause, weil ihm der Schweiss der hohen Dame trotz angewandter Parfüms unerträglich roch. Infolge seines mehr als sonderbaren Gebahrens kpnnte er es zu keinem Wirkungskreis bringen, der seiner geistigen Befähigung entspricht. Er ist be-

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sonders veranlagt für höhere Mathematik, mnsikalische Kompo- sition und Schachspiel, gleich virtuos als Klavierspieler und Koch. Er leidet an melancholischen Zuständen, unter deren Ein- fluss er öfter monatelang im Bett bleibt. Bei seiner Geburt, die mittelst Zange erfolgte, wurde er nicht unerheblich am Hinter- haupt verletzt.

Der zweite Bruder ist ebenfalls aktiver Paederast. Er ähnelt geistig und körperlich sehr seiner Grossmutter, die sich durch besondere Frivolität auszeichnete. Mit 22 Jahren wurde er in Smyma im Verkehr mit einem männlichen Prostituierten syphilitisch. Er ist verheiratet und hat ein Töchterchen. Von scharfem Ver- stand und umfangreichen Wissen, weissagt man ihm eine grosse Zukunft, zumal er die Homosexualität wohl zu verbergen weiss und fast nur mit seinen Kousins, den Söhnen des Halbbruders väterlicherseits, sexuellen Umgang pflegt

Von dem jüngsten Bruder ist ausser seiner zweifellosen Homo- sexualität nichts Besonderes zu berichten.

Graf B. selbst ist, abgesehen von starken Hämorrhoiden ge- sund und kräftig; Neigung zu Fettleibigkeit. Er lebt massig, ist unauffällig gekleidet und sieht, wie er selbst sagt, darauf, dass im Hause peinlichste Ordnung sowie thatsächliche, jedoch nicht Übertriebene Religiosität herrschen. Er liebt sehr die Litteratur und ist selbst nicht ohne dichterische Beanlagung. In seinem Gesicht sind feminine Züge deutlich. Seine Stimme besitzt weib- liche Klangfarbe und was die Höhe betrifft, so macht ihm sogar die berühmte Arie der „Königin der Nacht" in der Zauberflöte keine Schwierigkeit. Die Brustwarzen schwellen zeitweise an und werden dann so empfindlich, dass er kein steifes Hemd tragen kann. In seiner sexualen Geschichte führt er die erste Anregung zur Masturbation auf einen Vorgang siurück, der sich ihm mit photographischer Schärfe einprägte. Man hatte ihm wegen seiner frühen geistigen Entwickelung bereits mit 4 Jahren einen Haus- lehrer engagiei*t. Eines Abends sah er, als die Mutter verreist war, aus seinem Bette, das Vom Schlafzimmer der Mutter nur durch Vorhänge und eine Thür getrennt War, in allen Einzelheiten, wie sein V^ter mit dem jungen Lehrer sexuell verkehrte. Von da ab übte er Auto -Masturbation besonders in einem von Jesuiten geleiteten Lehrinstitut, wo er sich „für den Hausknecht mehr inte- ressierte als filr die Kameraden, ausschliesslich Söhne des reichsten und ältesten europäischen Adels."

Im 16. Jahre siedelte er nach Paris über, wohin die Eltern bereits früher gezogen waren. Hier wurde er von einem Abb6>

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der zn seinen Lehrern gehörte, in alle homosexuellen Praktiken eingeführt. Mit dem Weibe hat Graf R. trotz denkbarster Ver- suche nicht verkehrt. Es war ihm stets unbegreiflich, „wie man die Franen als das schöne Geschlecht bezeichnen könne.'' Im homosexuellen Verkehr ist er passiv und zwar zieht er Soldaten, Matrosen, Fleisoherburschen u. dergl. „Gebildeten'' vor. Graf B. schliesst seine ausführliche Lebensgeschichte mit einer Bemerkung, welche wir in ähnlicher Weise wiederholt in den Selbstbiographien Homosexueller finden, und die sich nur dadurch erklären kann^ dass die Träger der Homosexualität dieselbe wie ein untrennbares Stück ihres eigenen Selbst wahrnehmen; er schreibt: Ich empfinde die Homosexualität nur insofern als Uebel, als sie sich am Ver- fall unseres Hauses beteiligte und mich bereits öfter den Armen der „Gerechtigkeit" nahe brachte. Sonst aber bildete gerade mein Leiden für mich die Quelle jeder Lebensfreudigkeit. Am nächsten Baumast, der 100 Elilo tragen kann das ist mein Gewicht knüpfte ich mich auf, falls der Trieb erlöschen oder umsuggeriert würde."

Wir aber möchten die Geschichte dieser Familie und die Betrachtungen über die Vererbung mit einer Frage schliessen: Sollte die Homosexualität, welche auf dem Boden der neuropathischen Belastung reift, nicht vielleicht eines der Mittel sein, mit welchem die Natur einem Stamme in sich ein Ende zu setzen bestrebt ist?

Soviel steht fest: würde die normale Ehehälfte vor- her über die Homosexualität der anderen aufgeklärt sein, wären ihr die hier geschilderten wahrscheinlichen oder auch nur möglichen Folgen dieser Veranlagung bekannt, sie würde wohl in den meisten Fällen verzichtet haben* Der umische Teil giebt dem anderen nicht, was er er- wartet und worauf er Anspruch hat. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn wir behaupten, der über sich selbst unterrichtete Urning, der, ohne sich als solcher zu er- kennen zu geben, zur ehelichen Lebensgemeinschaft schreitet, macht sich des Betruges schuldig. In ver- stärktem Maasse gilt das gegenwärtig, wo nach dem neuen bürgerlichen Gesetzbuch die Ehescheidung auf Grund un-

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überwindlicher Abneigmig nicht mehr zulässig ist. Blosse Andeutungen^ man mache sich nichts aus dem sexuellen Verkehr, man betrachte die Ehe nur als eine gegenseitige Unterstützung, genügen nicht, sie werden meist nicht verstanden. Uns sind mehrere Falle bekannt, in denen sich später die Männer darauf beriefen, sie hätten ja den Frauen vorher Hinweise gegeben, wo in Wirklichkeit aber die Frauen keine Ahnung hatten. Früher oder später erreichen in den meisten Ehen Grerüchte vom homosexuellen Verkehr des Mannes die Ohren des Weibes. Oft sind es Chanteure, die unter jPSndeutung auf den § 175 R-Str.-G.-B. die Frau ängstigen. Wie gut ist es, wenn sie den von Hass oder Gewinnsucht erfüllten Per- sonen dann entgegnen kann: „Das weiss ich und wusste es von Anfang an." In den meisten Fällen wird allerdings die Aufklärung die Wirkung haben, dass der normale Teil zurücktritt, es sei denn, dass rein praktische Gesichts- punkte, manchmal auch wahre Sympathie den Ausschlag geben. Würde über die Homosexualität die richtige Er- kenntnis herrschen und der § 175 beseitigt sein, so würde man vorkommenden Falles diesen Punkt wie andere Vor- fragen ruhig und eingehend im Schosse der Familie be- sprechen können.

Hierzu ist fireilich erforderlich, dass auch das weib- liche Geschlecht von dem noch jetzt vielfach beliebten Standpunkt grösster Unkenntnis aller sexuellen Dinge geheilt werde und die Ausschreitungen der Prüderie auf- hören, welche mit dem naturwissenschaftlichen Charakter unserer Zeit in so grellem Widerspruche stehen. Ver- zichten wir auf jenes künstliche Produkt völliger Harm- losi^eit, das ja auf manchen Mann vorübergehend einen gewissen Reiz ausübt und helfen wir den Frauen, dass sie den Zustand kindlicher Unfreiheit abstreifen. Wenn erst das Weib seine eigene Geschlechtsnatur, sowie die- jenige des Mannes klar zu erkennen imstande ist, dann

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werden auch die unzähligen Missverständnisse vor und in so vielen Ehen nachlassen^ und auch über die umische Gefühlsrichtung wird sich die so wünschenswerte Klar- heit verbreiten.

Immerhin wird es Frauen geben, die sich entschliessen, auch einem nicht normal empfindenden Manne die Hand zum Lebensbunde zu reichen, vor allem solche, bei denen geschlechtliche Wünsche gamicht oder nur in sehr ge- ringem Grade hervortreten. Eine entschiedene nicht selten zur Ehe führende Wahlverwandtschaft besteht zudem zwischen homosexuellen Männern einerseits und homosexuellen Frauen andererseits; die robuste, energie- volle Uminde sympathisiert mit dem zartbesaiteten, oft so hilflosen unselbstständigen Urning und umgekehrt. Diese Ehen, wo beide Teile bewusst oder imbewusst mehr oder weniger sexuelle Zwischenstufen darstellen, sind viel häufiger als man glaubt, und sie' sind nicht die unglücklichsten.

Wir bringen umstehend das Bild eines derartigen uns bekannten Ehepaares; der blosse Augenschein lehrt^ wer in dieser Ehe die aktiv virile, und wer die passive, feminine, Hälfte ist.

Auch folgende uns übersandte Selbstbiographie, die wir im Auszuge wiedergeben (unter Hinfortlassung der ausführlichen Toilettenschilderungen) ist in dieser Hin- sicht lehrreich.

„loh Btamme'^, heisst es in diesem Berioht, „aus guter, reicher Familie, meine Mutter war eine seelensgute Frau, hie und da mit etwas exoentrisohen Ideen behaftet, meinen Vater habe ich nicht gekannt, da er knrz nach meiner Geburt starb; er soll ein sehr kleiner, schmächtiger Mann gewesen sein mit sehr wenig Bart- wuchs und auffallend hoher Stinune; meine Mutter sprach nicht gerne von ihm, warum konnte ich nie erfahren. Ich hatte eine Schwester, die um ein Jahr älter war als ich und der ich frappant ähnlich sah. Ich war ein durch seine Schönheit auffaUendes, aber ungemein zartes und kleines Kind und wurde bis zum 10. Jahre mit meiner Schwester zusammen von einer Bonne erzogen. Mein»

Schwester war ganz normal, Ich jedoch war gu nJcht bo, wio Andere Knaben, ich mied ihre OeaellBobaft, da sie mir zn tnrbn- leot nnd roh waren, an ihren Spielen fand ich keinen Gesohmaok, hingegen weilte ich gern bei den Gespielinnen meiner Sohweeter. Mit Vorliebe sog iah männlichen Pnppen weibliche Kleider an nnd umgelcehrt; für weibliche Arbeiten hatte ich deaädierten Sinn und gtosae Geeohioklicbkelt, ieh stickte, häckelte und nähte fleissig mit meiner Schwester. Etwas ganz Unwid erste hlichea zog mich ZOT MSdohenkleidnng hin. Wenn ich mieh im Spiegel be- sah, kam ich mir in meinen Hanneskleidem lächerlich vor. Mein Etzieher, den ich im 11. Jahre bekam, schalt mich oft wegen m^er Hädohenhaftigkeit; er hätte mieh gern zu einem wilden

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Jungen gemacht, sodass ich oft weinen rnnsste. Ich stuidierte privat, lernte gut und machte mit 17 Jahren die Matnrit&tsprüfong. Am Klavier hatte ich derartige Fortschritte gemacht, ^ass ich künstlerisch spielte.

Um diese Zeit sollte von Amateurs eine Theatervorstellong veranstaltet werden und mir wurden zwei Damenr&Uen zugeteilt. Endlich sollte m^ sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen, inich als Mädchen kleiden und benehmen zu können und noch dazu öffentlich. Mit Feuereifer ging ich an das Studium meiner Bollen, wobei mir meine Schwester half. Als ich mich zuerst im Spiegel ganz als Mädchen sah, bebte ich am ganzen Körper vor Freude und Wonne ; ich fühlte mich wie neugeboren, mir war es, als ob dies die Kleidung sei, die immer zu tragen mir bestimmt sei. Ich konnte mich nicht vom Spiegel trennen, ich drehte mich, um die Röcke fdegen zu lassen, hob sie an, um die Unterröcke und Schuhe zu sehen, ging auf und ab, wobei das Batischen der seidenen Unterröcke mich glücklich machte, betrachtete imch von ^ allen Seiten und konnte mich nicht satt sehen.

Die Proben zu luüerer Theatervorstellung hatten begonnen, bei denen ich stets als Dame gekleidet erschien, worüber man anfangs erstaunt war, doch sollte ich ja Frauenrollen gebexl und

80 fand man es bald natürlich, dass ich so angezogen kam. Mama brachte mich gewöhnlich im Wagen hin und holte mich wieder ab. Eines Tages schlug mein Kousin, der auch -mitspielte, vcr,

mich zu Fuss nach Hause zu geleiten. Ich erschrak über diesen Vorschlag: „So soll ich auf die Gasse? man wird mich ja gleich in meiner Verkleidung erkennen?^ „Gar keine Spur, kein Mensch wird eine Ahnung haben, denn du siehst ja aus, wie ein echtes Mädel", war seine Antwort. Dies gab mir Mut, ich nahm seinen Arm und wir gingen. Der erste Schritt in Weiberkleidem auf der Gasse. Anfangs war ich doch etwas ängstlich, doch als ich merkte, dass man mich nidit erkannte j gewann ich Vertrauen, wir gingen sogar in eine Konditorei, wo ich als Fräulein tituliert wurde, was uns köstlich amüsierte.

Endlich kam der Tag der Vorstellung, mein Erfolg war ein durchschlagender; keine wirkliche Dame liatte besser gespielt. Man fand nicht nur mein Aussehen, sondern auch mein Spiel ' echt weiblich. Man war so entzückt, dass, ^s eine Woche nach- ' her in demselben Hause ein kleiner Ball gegeben wurde, allgemein der Wunsch geäussert wurde, ich möge auf demselben als Mäd- chen gekleidet erscheinen. Mama war «o gut, es zu gestatten . und als auf dem Balle meine Schwester, der ich zum Verwechseln

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ähnlich sah und ich hinter Mama eintraten, ging ein allgemeines Ah dnrch den Saal, alle Tänzer rissen sich um mich, ich war entschieden die Ballkönigin and bekam beim Kotillon die meisten Bouquets.

Ein Jahr darauf starb meine Schwester am Typhus und aber- mals ein Jahr später meine Mutter an Lungenentzündung. Da ich ruhig und vernünftig war, liess mich mein Vormund mit 2 1 Jahren grossjährig erklären. Bevor ich zu der jetzigen Phase meines Lebens komme, wUl ich ein Bild von mir in diesem Momente geben.

Obzwar 21 Jahr alt, sehe ich aus wie ein zarter, kleiner, 14jähriger Knabe, Gesichtszüge ungemein fein, Teint rosig, kleiner Mund, grosse dunkelblaue Augen mit grossen Wimpern, voll- kommen bartlos, ein wahres Mädchengesicht; Haut sehr weich und weiss, Gestalt zierlich, Hüften breit, Arme rund, auf der Brust etwas Fettpolster, sodass die Brüste etwa denen eines 15jährigen Mädchens gleichen, Hände und Füsse klein, der ganze Körper glatt, nur die Geschlechtsteile schwach behaart, der Penis so klein, wie der eines 10jährigen Knaben, im Scrotum nur ein Hoden, etwas grösser wie eine Haselnuss (Krjptorchismus), Stimme sehr hoch, ein Geschlechtstrieb fehlt vollkommen; mein Kopfhaar^ das sich weich und seidig anfühlt, trage ich & la vierge gekämmt. So war ich als ich ganz selbstständig wurde und ein bedeutendes- Vermögen zu meiner Verfügung stand. Da meine Neigungen stärker denn je, ging ich baldigst daran, mich ganz zu feminisieren.

Meine bisherige Wohnung war mir zu herrenmässig, ich richtete mir daher in einigen Räumen, die früher von meiner Mutter und Schwester bewohnt waren, eine Wohnung her mit allem Luxus einer eleganten Modedame. Das Schlafzimmer wurde weiss, da» Boudoir blau, das Toilettezimmer rosa, der eine Salon mit gelbem, der andere mit rotem Damast eingerichtet, das Esszimmer weiss- und gold.. Männliche Bedienung habe ich nie gemocht und wurde dieselbe jetzt durch weibliche ersetzt. Marianne und ihre Tochter Julie, die beiden Kammerfrauen, waren nach dem Tode meiner Mutter und Schwester ohne Beschäftigung, beide dem fiause sehr attachiert und da äie mein« Passionen genau kannten, für mich sehr passend. Ich setzte sie von meinen Plänen in Kenntnis^ appellierte an ihre Anhänglichkeit und Verschwiegenheit, beid& nahmen freudig an. Julie übernahm sogleich meine persönliche Bedienung. Nun füllten sich bald die Kästen mit der besten Damenwäsche, Hemden, Hosen ans feinstem Battist und Seide mit Spitzen und Bändern geziert, seidene und Battist-Unterröcke,.

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ebenMlfl mit Spitzen, seidene Strümpfe, Hüte, Schuhe etc., vor allem die sohönsten Rolfen aller Art; es wairen ihrer viele, solche für junge Madien und solche für junge Frauen, Ballroben mit und ohne Schleppe, Soir^etoiletten, allerlei Strassen- und Haustoiletten, Beshabill^es,. Matin^es, Mäntel, Jäckchen, auch Kosttime für Maskenbälle, ich erwähne nur Bäuerin, Spanierin Baby, Fantasieblumenmädchen, Schäferin ä la Watteau, Rococo- dame, Marie Stuart, Empirekostüme. Was meine Tageseinteilung anlangt, so nehme ich. nach dem Frühstück um 10 Uhr ein laues, parfümiertes Bad, nacliher kleidet .mich Julie an, irgend eine ele- gante mit Spitzen verzierte Matinee oder ein Hauskleid. Den Vor- mittag verbrachte ich dann mit Stricken, Häckeln, Klavierspiel, Lektüre. Nach dem Dejeuner, das um 1 Uhr serviert wird, musste ich mich manches Mal noch als Mann kleiden, doch geschah dies nur sehr selten, da ich mich aus meinem früheren Kreise mehr und mehr zurückgezogen hatte. Die Männerkleider waren mir sehr lästig, meist blieb ich Dame, auch wenn ich ausfuhr und ausging, nien^and erkannte meine Verkleidung, ich war eben für den Unterrock geboren. Marianne war als Gardedame herausstafiiert worden. Um 7 Uhr war Dinerstunde, abends pflegte ich öfters das Theater zu besuchen, hierzu kleidete ich mich als junges Mädchen oder als junge Frau, Marianne chapronierte mich und sah sehr' possierlich an . ihrem Ehrenplatze aus. Besonders gern besuchte ich ein Operettentheater, dessen Star, eine Sängerin, namens Lea, beinahe ausschliesslich in Hosenrollen auftrat. Sie war für dieses Genre wie geschaffen, hoch und schlank ge- wachsen, das Gesicht schön doch scharf geschnitten mit männ- lichen Zügen, die Stimme mit merkwürdig tiefem Timbre. Wenn sie als Mann auftrat, war sie ganz Mann, sie ging und bewegte sich als solcher, alles weibliche war bei ihr verschwunden; sie tnig kurz geschorenes Haa^ und ging zu Hause stets in Männer- kleidem, auch hörte ich von ihr erzählen, sie fühle sich unglück- lich in ihrem Geschlecht. Es drängte mich, ihre Bekanntschaft zu machen. In einem Briefe entwarf ich ein Bild von mir, meinem Fühlen und Denken und drückte den sehnlichsten Wunsch aus, mich ihr vorzustellen. Umgehend erhielt ich eine bejahende Antwort; sie lud mich für den folgenden Tag nach dem Theater zu sich, mit dem Beifügen, dass wir allein sein würden, da wir uns viel zu sagen haben würden. Ich machte sorgfältige Toilette, mein Haar wurde in einen griechischen Knoten gesteckt und mit Brillanten umgeben etc. etc., in einen langen mit Seide gefütterten Mantel gehüllt, fuhr ich zu Lea,

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welche mich in einem cliiken Frackanznge erwartete; sie machte wirklieh ganz und gar den Eindruck eines feinen jungen Herrn. Als ich eintrat, kam sie verwundert auf mich zu, wir standen einen Moment unter dem Eindrucke, das s wir seelenverwandt, uns gefunden; welche merkwtlrdige Metamorphose, sie das Weib stand da, als eleganter junger Mann und ich der Mann dagegen als sihhüchtemes Mädchen. Endlich ktlsste mir Lea ga- lant die Hand und machte mir Komplimente über mein Aussehen und meine Toilette, wir freundeten uns gleich an, wir waren ja ganz dazu geschaffen, uns zu verstehen. Beim Thee sitzend, spräichen wir lange, lange ttber unser Empfindet und Denken, gleich am ersten Tage schütteten wir uns das Herz aus; ich hatte richtig vermutet, Lea war das Gegenstück zu mir, mir gefiel an ihr das männliche Wesen und sie wiederum fand Gefallen an meiner Mädchenhaftigkeit. Erst spät in der Nacht kehrte ich heim. Wir sahen uns beinahe täglich. Ich lernte bei ihr auch einen Prinzen aus königlichem Hause, der im gewöhnlichen Leben Leutnant in einetii Kavallerie-Begiment ist, in einem reizenden duftigen Kleidchen aus weissem Thantropfen- tüll mit Maiglöckchen etc. kennen. Er klagte sehr über seine Stellung, wie gern würde er die Uniform mit Mädchenkleidem, den Säbel mit dem Fächer vertauschen, der arme Junge! Bis nun war ich wirklich ganz unverdorben, ganz unschuldig. Durch Lea wurden mir die Augen ge()fihet, 'mein Staunen war gross, doch der natürliche Trieb ist mächtiger, als alle Gesetze, ich fürchte mich nur vor dehi Moment, wo ich wieder Mann werden muss, wenn die Täucichung nicht mehr fortgesetzt werden kann. Dennoch tröste ich mich mit dem Gedanken, dass ich mehr Glück hatte, als viele meiner Leidensgenossen, indem ich eine Zeit lang wirklich das sein konnte, was ich bin und dabei glücklich war."

Nur ein kleiner Bruchteil urnischer Männer und Frauen werden unter den geschilderten Umständen zu einer Art Scheinehe gelangen können, die meisten werden auf die grossen Güter, die eine eigene Familie in sich birgt, \^on vornherein verzichten müssen. Es ist zu ver- stehen und zu verzeihen, wenn Urninge selbst in ihrer traurigen Vereinsamung auf den sonderbaren Gedanken verfielen, dass auch Ehen zwischen Personen desselben Geschlechts eingegangen werden könnten, selbst ein Mann wie Ulrichs spielte mit dieser Idee, deren Widersinnigkeit

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doch schon daraus . erhellt^ dass.in solchen Fällen der Hauptzweck der. Ehe, die Erhaltung, der Art, die Er- zeugung und Erziehung von Kindern unn^öglich ist Fällt aber auch für die Urninge der Zweck hinweg, so bleibt doch auch für sie der Grund zur Einehe, die individuelle Liebe bestehen. Denn nur in der Richtung, nicht in der Stärke und Art ist die homosexuelle Liebe von der hetero- sexuellen verschieden. Dort wie hier kommt neben der Neigung zu einem bestimmten Genre die rein individuelle Liebe vor mit ihrer starken Tendenz zur Dauerhaftigkeit, mit ihrer Sehnsucht und Eifersucht, der Sorge um den Alleinbesitz und den Schwüren ewiger Treue.

Hierdiurch erklärt es sich, dass auch unter Personen gleichen Geschlechts Bündnisse von langer Dauer vor- kommen, die . den Charakter der Ehe an sich tragen. Namentlich unter Frauen ist uns eine beträchtliche Anzahl , fester Verhältnisse* bekannt geworden ; die eine »der Mann" steht im aktiven Erwerbsleben, die andere versieht das Haus. Auch ürningspaare, welche jähre- und jahrzehntelang, manchmal ihr Leben lang zu- sammenwohnen und wirtschaften, gehören in Grossstädten nicht zu den Seltenheiten. In Berlin giebt es ein Schau- spielerpaar, wo der jüngere sogar den Namen des älteren angenommen hat. Die Hochzeitsfeste römischer Cäsaren mit Jünglingen, von denen die alten Schriftsteller be- richten, sind weder ein Vorrecht der Cäsaren noch der Antike. Die unterbrochene .Hochzeitsfeier des Amerikaners Withney mit einem preussischen Ulanen erregte vor einigen Jahren in Berlin grosses Aufsehen, aber dieser Fall steht durchaus nicht vereinzelt da.

Es sind jetzt etwa fünf Jahre, dasa ich selbst einmal Ge- legenheit hatte, einem solchen Vorgang beizuwohnen. Ein Patient von mir, der mein Interesse für dieses noch so wenig erforschte Gebiet menschlichen Lebens kannte, schrieb mir, ob ich der Trauung eines homosexuellen Paares beiwohnen

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wolle. Ich willigte ein und fand mich zur angegebenen Stunde Sonntag Nachmittags in dem bezeichneten Lokal der Friedrichstadt ein. Als ich eintrat^ sah ich gegen 50 Herren, die offenbar den besseren Ständen angehörten, in Gesellschaftstoilette versammelt; ein Altar, von Blatt- pflanzen umgeben/ war errichtet, ' zahlreiche Kerzen brannten; nicht lange und es erschien ein älterer bartloser Herr in der Tracht eines Geistlichen und betrat den Altar; auf dem Harmonium wurde ein weihevolles Lied gespielt, in das die Versammelten einstimmten. Unter diesen Klängen zog das Brautpaar, von Brautjungfern, ebenfalls Herren, geführt, ernst und feierlich in den Raum, es waren zwei junge Leute, der eine Ende, der andere Anfang der Zwanziger, beide im Frackanzug, der ältere trug einen Myrthenstrauss im Knopfloch, der jüngere einen Myrtenkranz und einen lang hetabwallenden Schleier. Der Pseudogeistliche hielt eine Rede, in welcher er auf die Innigkeit dieser Freuüdesliebe, den Entschluss, auch äusserlich den Bund zu besiegeln hinwies und beide auf- forderte, in allen Lagen des Lebeüs treu zu einander zu halten. Beim Wechseln der Ringe sagte er:

Und nun vereinigt Euch das Sakrament, Bis Zwietracht oder Tod Euch trennt.

Dann wieder Musik und allgemeines Beglückwünschen. Auf mein Befragen teilte mir der „Kaplan", so nannten isie den Geistlichen, mit, dass er zum neunten Mal in dieser Weise amtiere. Für manche Teilnehmer schien der Vor- gang etwas Scherzhaftes, für viele Leser wird er etwas Blasphemisches haben, für mich hatte es etwas tief Er- schütterndes. Uebrigens sah ich das Paar vor einigen Wochen zum ersten Male wieder in einem Cafähause und erfuhr, das bisher das Verhältnis ein ungetrübtes sei.

Wenn man auch aus naheliegenden Gründen solche Geschehnisse nicht wird billigen können, so hat es doch für einen Urning stets grossen Vorteil mit gleich Em-

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pfindenden in nähere Beziehungen zu treten. Das ist vor allem therapeutisch wohl zu beachten. Man denke dabei nicht an sexuelle Verhältnisse, aber die Urninge haben unter demselben Drucke stehend, so viele gemeinsame Interessen, dass allein der Meinungsaustausch gleich Fühlender Trost und Erleichterung in hohem Maasse ge- währt. Schon der unverheiratete Urning hat den grossen Vorzug vor den verheirateten, dass er wenigstens abends in seinen vier Wänden die Maske der Heuchelei ablegen kann^ welche der Tag ihm aufzwingt, er hat nicht zu fürchten, dass die Seufzer, die sich seiner Brust ent- ringen, jemanden verletzen. Gewiss liegt in dem Ver- zicht auf eheliches Glück eine der grössten Entsagungen, welche einem Menschen auferlegt werden kann, aber zur Unfruchtbarkeit ist man damit nicht verurteilt. Unter den Grössten aller Zeiten gab es solche, die nicht Menschen der Ehe waren und sich vielleicht grade darum leichter frei von vielen Kücksichten und Lasten zur Supervirilität entwickelten. Kann der Homosexuelle auch nicht leib- liche, so kann er doch auf allen Gebieten menschlichen Fortschritts geistige Früchte hinterlassen, viele thaten es und jedes strebe danach, im Kleinen oder im Grossen jeglicher nach seiner Kraft.

üranismus

oder

Päderastie und Tribadie bei den Naturvölkern.

Von

Dr. F. Karsch,

Privatdozent in Berlin.

„. . . trahit sua quemquc voluptas*' V e rgi I i u s : Alesds 65.

'

Einleitung.

In einer Zeit^ welche die bewunderungswürdigsten Erfindungen zum Gemeingute Aller macht, Erfindungen, an die unablässig die verbessernde Hand gelegt wird, um immer neue Geheimnisse der Materie und der Kräfte aufzuspüren, bleibt ein Bestandteil des menschlichen Liebestriebs zur Unfruchtbarkeit verurteilt und Unge- zählten, Unterrichteten und Ununterrichteten, ein Buch mit sieben Siegeln. Diesen Ungezählten erscheint ein Liebestrieb, der zum Verkehr der beiden verschiedenen Geschlechter mit einander drängt, an deren Zusammen trefiPen die Erhaltung und Vermehrung ihrer Art gebunden ist, als eine Selbstverständlichkeit und deshalb weiterer Be- achtung kaum wert; und darüber hinaus giebt es nur ein Laster oder ein Nichts!

Nun aber drängte sich im sozialen Leben eines der hervorragendsten Kulturvölker, der alten Griechen,

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eioe andere Form des Liebestriebs mit aller Maoht an die Oberfläche; sie musste dadurch aufFallen, dass sie dem Bedür{biss& nach Erhaltung und Vermehrung in keiner Weise Rechnung trug, demungeachtet aber als> eine leiden^ schaftliche, sinnige oder sinnliche Neigung von Personen des gleichen Geschlechtes zu einander sich kundgab eine Form des Liebestriebs, welcher daher seitd^n die Bezeichnung ,,griechische Liebe*' verblieben ist. Sie trat überall im Volke hervor, ihr konnte kein Stand sich entziehen, und gewaltige Persönlichkeiten, wie 8 ok rat es und Sappho, wurden dermassen von ihr ergriffen, das& sie von ihr sich vollkommen beherrscht fühlten. In Deutschland beginnt eine analoge Entwickdung sich za vollziehen: die griechische Liebe treibt hier aus schimpf- licher Verborgenheit an das helle Licht des Tages und kämpft mit allen erlaubten Mitteln für ihre gesellschaft- liche Berechtigung. Aber noch überträgt, wer ihr fern- steht in Deutschland und als Mann Plato's herrliche Schriften geniessen will, den immer wiederkehrenden «Knaben** oder «Jüngling^* in die ihm als Liebesgegen* stand allein verständliche «Jungfrau* oder j,Maid". Die von griechischer Liebe Erfüllten begreifen wohl die deutsche Liebe des Mannes zum Weibe und des Weibe» zum Manne und sie wissen deren möglichen hohen ethischen Wert vollauf zu würdigen -i- allein verstanden werden sie selbst noch nicht; Aufrichtigkeit, Erziehung und Ge*- wohnbeit können da vielleicht Wandel schaffen, wenn man mit Möry^s verständnislosem »^plaignons et passons" *) bedauern und dulden wir sie! sich nicht zufriedengeben^ sondern als ebenbürtiges Glied mit den Anderen der Kation,, gemäss den persönlichen Anlagen und Fähigkeiten^ auf seine Art, dem Ganzen sich nützlich erweisen will.

-r-

' *) Joseph M^ry, MonBieur Augnste, Nouvelle Edition, Paris^ 1867, Michel Uvy fr^res, Seite 93.

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Der griechischen Liebe wird nachgesagt, dass sie bei Tieren nicht vorkomme und daher unnatürlich sei und -dass sie nur als ein Ergebnis von Ueberkultur sich ein- zustellen pflege. Beide Vorwürfe sind unberechtigt. Ueber das häufige, unter Umständen regelmässige Vor- kommen derselben im Tierreiche brachte der 2. Jahrgang •dieses Jahrbuchs erst im vergangenen Jahre eiile Zu- sammenstellung, welche leicht bereichert werden könnte, und hier wird nunmehr der Versuch unternommen, eine zusammenhängende Darstellung der griechischen Liebe bei den Naturvölkern der Erde zu liefern, gegenüber -denen aller Verdacht ausgeschlossen ist, dass Verfeiner- ung der Sitten, dass Ueberdruss am Normalen, dass Ueber- kultur in irgend einer Richtung sie könne herbeigeführt haben. Von Friedrich von Hellwald liegt (456) der allgemeine Ausspruch vor, dass «^unnatürliche Laster'', wie man vorzugsweise die griechische Liebe, wenigstens in einigen ihrer Formen, zu nennen beliebt, nirgends Läufiger seien, als gerade unter wilden Stämmen.

. Josef Müller (Renaissance, Zeitschrift für Kultur- geschichte, Religion und Belletristik, 1. Jahrgang, Heft 1 4, Augsburg, Lampart) hat 1900 eine Arbeit: ^Das «exuelle Leben der Naturvölker* erscheinen lassen (auch 45eparat, 50 Seiten), in welcher mit keinem Worte der griechischen Liebe gedacht wird. „Statt der Anhäuf- •ung massenhaften Materiales, unkontrollierbarer Reise- berichte u. s. w." suchte J. Müller „unter sorgfältiger Sichtung und Kritik des reichen Stoffes das Prägnante und Typische herauszustellen und den gefundenen That- bestand möglichst einfach zu erklären.* Allein die .griechische Liebe ist ein wesentlicher Bestandteil des sexuellen Lebens der Naturvölker. Schon A. Er man hat mit Nachdruck betont, dass ihr Vorkommen bei Ur- völkern in der Anthropologie nicht dürfe übersehen werden, sei es nun, dass man wegen derselben den Menschen

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um so eher mit den Affen verwandt oder gerade um- gekehrt seine Abstammung von irgend einem unver- clerbten Tiere für unwahrscheinlich halten wolle (Er- m an 1871, 163—164):

Obwohl mit der grössten Sorgfalt und ohne Schonung der Zeit angelegt und durchgeführt, erhebt die vor- liegende Arbeit dennoch nicht den Anspruch auf Voll- iständigkeit und Musterhaftigkeit. Schon der Umfang der grösstenteils äusserst schwer zu erlangenden, vielfach sehr seltenen oder überaus kostspieligen Literatur liess diesen Wunsch geradezu unausführbar erscheinen; auch bildete xlie Mannigfaltigkeit der Sprachen, in denen der hier er- <)rterte Gegenstand Behandlung gefunden, ein fast un- iiberwindbares, in jedem Falle aber zeitraubendes Hinder- nis. Für jede gefällige Mitteilung von Auslassungen wird <Jer Verfasser daher herzlich dankbar sein!

Abgrenzung der Begriffe Päderastie und

Tribadie.

Päderastie und Tribadie sind hier im umfassendsten Sinne genommen: jede Erregung geschlechtlicher Natur (Orgasmus), in welche ein männliches Wesen durch -ein anderes männliches Wesen seiner Art versetzt wird, fällt unter den Begriff Päderastie (eigentlich Liebe zu Knaben oder Jünglingen) ; jede Aufwallung der •Geschlechtsthätigkeit, in welche ein weibliches Wesen durch ein an deres weibliches Wesen seiner Art gerät, fällt unter den Begriff Tribadie. Es kommt dabei gar nicht in Betracht, ob der sexuelle Reiz ausgelöst werde oder nicht und noch weniger, in welcher Weise er etwa ausgelöst werde; es spielt dabei durchaus keine Rolle, ob xlie sexuell erregte Person des Glaubens lebt, dass ledig- lich allgemeine Schönheit eines menschlichen Wesens des gleichen Geschlechtes, dass Liebenswürdigkeit odet eine

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eigene Art von passiver Hingebung aeitena eines Knabeii^ eines Mannes qder eines weiblichen Individuums die Ursache der sexuellen Erregung abgebe, oder ob die sexuell erregte Person fühlt und weiss, dass ein bestimmter Körperteil, der Geschlechtsteil, die Lenden, die Augen, das Haar, oder ein dem geliebten. Körper entslxömender Geruch, oder die Stinune, oder die Bewegungen des Er- regers den Orgasmus hervorrufen; es ist auch nicht er- forderlich, dass die sexuelle Erregung durch ein WjCSCu des gleichen Geschlechts die einzig mögliche sei; wer noch anders, wer als Mann ausser durch .ein männliches Wesen auch noch durch ein, weihliches geschlechtlich er^ regt werden kann, ist eben, mehr als reiner Päderast, und wer als Weib ausser durch ein weibliches. Wesen auch noch durch ein männliches sexuell gereizt werden kann, ist eben nicht blos reine Tribade. Innerhalb der un- endlich mannigfaltigen Abstufungen und Kombinationen von Erregung geschlechtlicher Thätigkeit oder von.Liebes- empfindungen und Triebeshandlungen, zu denen der päderastische und tribädiscbe Liebestrieb führen kann,, scharfe Grenzen ziehen zu wollen und etwa nur die Personen für Päderasten oder Tribaden anzuerkennen, welche mit dem Kusse auf die Lippen des geliebten Gegenstandes gleichen Geschlechts sich nicht, begnügen können oder wollen, erscheint ebenso ungereimt, wie es dem Helden in Fridolin's heimlicher Ehe von Adolf Wilbrandt unmöglich war, Grenzen zwischen weissen und schwarzen Menschen in Hinsicht ihrer Färbung auf- zustellen: wer eine Lücke in der Reihe findet, der trete nur hinein, denn er hatte sich selbst ausser Acht ge- lassen; es giebt eben auch Uebergangspäderasten und U e b e r g a n g s t r i b a d e n. Der geringere oder höhere Grad vont Selbstbeherrschung ändert doch an) der ge- gebenen sexuellen Anlage nichts; denn so gewiss der ein Blumenfreund sein muss, welcher Blumen pflückt, nvß

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mit ihnen seinen Wohnraum 'zu schmücken^ so gewiss ist es auch der, der ihren Duft ' geniesst, ohne es über sich ^vrinnen- zu .können, ^ie 2u brechen; das Wesentliche bei der Päderastie und Tribadie ist der durcli ein Wesen desselben Greschlechtes hervorgerufen« Orgasmus.

Di« von mir für die vorliegende Arbeit gewählten Bezeichnungen Päderastie und Tribadie haben nun aber in der auf Naturvölker bezüglichen < Literatur fast gar nicht Anwendung gefunden. Ausfeer gewissen, einer vor- urteilslosen wissenschaftlichen Forschung unwürdigen und d«m rücksichtslosen Bekenntnis ' der Thatsachen hinder- lichen Umschreibungen^ wie ^Verbrechen wider die Natur**, ,veTabscheuungswürdige, unnatürliche Laster* und der- gleichen mehr, kehrt' besonders häufig, wenigstens in den französischen und italienischen W«rken, der Ausdruck Sodomie wieder ; da er sowohl den Gebrauch des Weibes durch den Mann an unrechter Stelle (ultra vas debitüm) als auch den Gebrauch des M^innes durch den Mann beim coitus in anum bez«ichnet, so fällt er nicht ganz mit Päderastie zusammen; für den Geschlechts- verkehr zwischen Mensch und Tier, der vielfach Sodomie heisst, verwenden dann jene Schriftsteller -die Bezeichnung Bestialität. Der geistvolle Montesquieu behandelt die Päderastie ails ein« »jcrime contre nature*, ein Ver- brechen gegen die Natur. Die spanisch«n Geschichts- schreiber der Indianer haben für den päderastischen Verkehr den Ausdruck „pecado nefando* oder «pecado abominable'^ oder ,^pecado aborrecible^, bald ohne Zusatz, bald mit dem Zusätze ^contra hatura** oder ^de Sodoma*; hier häufen sich in den Schriften G o m a r a^s und O v i e d o's, bei der Empörung, in welche diese befangenen Be- obachter der Naturvölker sich hineinschrieben, die „schmückenden** Beiwörter, so in ^abominable 6 sucio pecado** oder gar ^diabölico 4 nefando acto de Sodoma"; die der Päderastie Ergebenen aber nannten sie ^,sodomitas

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abominables". Bei Peter Martyr findet sich der ge* schmackvoUe Terminus „odia intestina''.

Es bedarf nun noch der Erläuterung einiger Aus«*» drücke, welche gleichsam das Gerippe für die verschiedenen Formen der Päderastie und Tribadie abgeben. Schwär- merische Liebe des Päderasten heisst nach dem Philo- sophen Plato platonische Liebe; sie wird unter den Naturvölkern von' den Manghabei auf Madagaskar ange- geben; schwärmerische Liebe bei den Tribaden wird nach der Dichterin Sappho sapphische Liebe genannt; ihr Gegensatz ist die rein sinnliche Liebe, die auch lesbische Liebe heisst. Von den geschlechtlichen Akten zwischen Personen desselben Geschlechts sind die wichtigsten: 1. die Auslösung des Orgasmus mit Hülfe der Hand oder eines Instrumentes, die Masturbation oder Manustu- pration, eine gegenseitige Onanie bei Päderasten und Tribaden; über sie wird von den Mädchen mehrerer Negerstämme Afrikas berichtet^ sowie von den Tribaden Zanzibars mit Hülfe eines Penis aus Ebenholz; 2. die Befriedigung des Wollustkitzels durch blosses Beiben der Schamteile an den Schamteilen oder sonst am Körper eines anderen Individuums des gleichen Geschlechtes, ohne Eindringen in eine Körperöffnung, eine bei Päderasten und Tribaden vorkommende Friktion; die so Handelnden heissen Friktrices oder Fricatrices; ge- schieht die Befriedigung beim Päderasten zwischen den Schenkeln des Geliebten, so wird der Akt als eine Nach- ahmung der Begattung (imitatio coitus) aufgefasst; ähn- lich bei den Tribaden Kamtschatkas mit Hülfe der Clitoris; 3. das Aufsuchen des Geschlechtsteiles des geliebten Wesens gleichen Geschlechts mit den Lippen oder der Zunge ; der das Glied des Partners in den Mund aufnehmende Päderast heisst Fellator, der sein Glied Einführende Irrumator, der entsprechende Akt Fellation, be- ziehungsweise Irrumation; diese Art der Befriedigung

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wird unter den Naturvölkern als der von den Indianern Nordamerikas bevorzugte geschildert; die Tribade, welche ihren Orgasmus durch Lecken der Scham der Geliebten auszulösen sucht ^ ist ein Cunnilingus; 4. erfolgt Eindringen des männlichen Gliedes in den After eines- anderen männlichen Wesens, so heisst der Akt Pädi- kation, der aktive (handelnde, einführende) Teil ist der Pädikator, der passive (leidende) Teil Pathicus oder Cinädus, der Putos der Spanier; nach der Literatur ist diese Form des päderastischen Geschlechtsaktes bei den Arktikem (Hyperboreern) die gewöhnh'che; Pädi- kation heisst aber auch derselbe Akt, von einem Manne^ beim Weibe ausgeführt

Da nun Päderastie und Tribadie doch nur als Teil- erscheinungen eines besonderen, auf das gleiche Geschlecht gerichteten Sexualtriebessich darstellen, so ist es wünschens- wert, eine Bezeichnung zu haben, welche beide zusammen- fasst; und obwohl eine solche in dem Ausdruck „griech- ische Liebe" bereits vorhanden war, so hat doch der hannoverische Amtsassessor Karl Heinrich Ulrichs (Numa Numantius) einen neuen Terminus dafür einge- führt, den ich in die Ueberschrift der vorliegenden Studie übernahm. In seiner ersten Schrift über mannmänn- liche Liebe „Vindex", sozial-juristische Studien, Leipzig, Matthes, 1864 (neue Aufl. 1898 bei Spohr), nennt Ulrichs Seite 1 den mannliebenden Mann Urning, den weib- liebenden Dioning und spricht von urnischer undv dionischer Liebe; diese seine Bezeichnungen ent- standen durch Umwandlung der griechischen Götternamen Uranus und Dione, da eine poetische Fiction des- Philosophen Plato in dessen Gastmahl, Kapitel 8 und 9, den Ursprung der mannmännlichen Liebe vom Gotte Uranus allein, ohne Mitwirkung eines Weibes ableitete^ den weibliebenden Mann dagegen auf dem üblichen Wege von der Göttin Dione entstehen Hess (Ulrichs »Vindex*'

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Seite 2). Für die Liebe der Urninge und der Tribaden oder Uminginnen bediente sich dann später Ulrichs in 4seiner dritten Schrift über mannmännliche Liebe, ^ Vindicta", Kampf für Freiheit von Verfolgung, Leipzig, Matthes, 1865 (1808 bei Spohr), Seite 20, des zusammen- fassenden Terminus Uranismus. Für Uranismus ist Jetzt -das sprachwidrige Wort Homosexualität (Liebe zum gleichen Geschleohte) im Gegensätze zu Hetero- ^Sexualität (Liebe zum anderen Geschlechte) sehr in Mode gekommen. Die Päderasten von heute reden von Urningtum, und da sie den Worten Urning und Urningin :als unschön klingend, abhold sind, so haben sie selbe in U r an i e r und U r n i n d e umgewandelt. Unter seinen Urningen unterschied Ulrichs scharf solche, die Männer in den besten Lebensjaluren lieben imd oft ein mehr weibisches als männliches Wesen zeigen, die er Weib- lingiC nannte, und solche, welche an jungen Männern, an Knaben im Pubertätsalter und an Jünglingen Gefallen £nden und meist mehr männlich erscheinen mit nur dem Eennerauge bemerkbaren weiblichen Zügen, die er Mann- linge nannte, so dass das Urningtum aus einem Weib- lingtum und einem Mannlingtimi sich zusammensetzt.

Das Studium des Uranismus bei den Naturvölkern •ergiebt eine sehr merkwürdige Erscheinung, welche die Naturvölker in einen gewissen Gegensatz zu den Kultur- völkern bringt Bei dem Kulturvolke der alten Griechen nicht nur, sondern anscheinend auch bei alleii heutigen Kulturvölkern, herrscht unter den Päderasten das Mannlingtum in einer so auffallenden Weise vor, ^ass man die Sittlichkeit der männlichen Jugend durch sie bedroht glaubt und durch Gesetze sie zu schützen sucht; bei den alten Griechen ward die mannmännliche Liebe ebendaher auch als Päderastie, d. h. als Liebe zu den Knaben oder Jünglingen, aus der Taufe gehoben. •Ganz im Gegenteil tritt bei den Naturvölkern der

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Mannling vollständig in den Hintergrund und auf der Bildfläche erscheint ein ausgesprochenes Weibli ng tum, welches sich nicht darauf beschränkt, von Männern auf- gesucht zu werden, sondern selbst Männer aufsucht und aich gern in die Tracht des Weibes kleidet, um, womög- lich, die Verbindung mit dem geliebten Manne durch eine Heirat gesetzlich zu krönen. Fast jede ihrer Sprachen hat für die Weiblinge, Pathici oder Cinäden, der zuge- hörigen Völkerstömme ein besonderes, oft überaus be- zeichnendes Wort. Ich möchte nicht unterlassen, alle mir bekannt gewordenen hier alphabetisch geordnet zusammen- zustellen, obwohl der Leser ihnen allen im Kapitel ijPäderastie bei den Naturvölkern" noch einmal begegnen wird. Die Weiblinge heissen:

Achnutschik bei den Konjagen, nach Holmberg; Agokwas bei den Tschippewäern, nach Tanner; Bardaches bei den Canadiern, nach Prinz Max. zuWied; Bote bei den Crow-Indianem, nach Holder; Burdash in der Tulalip-Sprache, nach Holder; Camayoa in der Cueva-Sprache, nach Oviedo; Cudinas bei den Guaicurus, nach v. Martins; Ousmos bei den Laches, nach Piedrahita: Hanisi bei den Negern Zanzibar's, nach Baumann; Joyas bei den Califomiem, nach Duflot de Mofras; K^elgi bei den Korjaken, nach Erman; K oiac h oder Koiachtschit seh bei denKamtschadalen,

nach Steller; Koj ektschutschi nach Erman; Kotoruie (russisch) bei den Kamtschadalen, nach

Kras c he nin ik o w; M ari con es bei Indianern der Anden Perus, nachPöppig; Mahhus (Mahoos) auf Tahiti, nach Turnbull; Mf hdäckä bei den Mandan, nach Prinz Max. zu Wied. Mke-simume bei denNegern Zanzibar's, nachBaumann* Mujerado bei den Pueblo-Indianem, nach Hammond^ Mzebe bei den Negern Zanzibar's, nach Baumann;

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Sarimbavy bei den HovaMadagaskar's^ nach Lasnet; Schoopan (russisch) beiden Konjagen, nach Lisi an sky«^ 8 e c a t r a bei den Sakalaven Madagaskar's, nach Las n e t; Secatses bei den Betanimenen, nach Lacombe; T s e c a t s bei den Manghabei Madagaskar's, nach Flacourt.

Abgrenzung des Begriffes Naturvölker.

Die Naturvölker werden hier ungefähr in demselben Umfange gefasst, welchen ihnen Waitz in seiner Anthro- pologie derselben gegeben hat; nur die Abyssinier imd die Nubier bleiben ausser Behandlung.

Die Begriffe Naturvölker und Kulturvölker sind so alt wie die Ethnologie. Sie haben mannigfache Wandlungen durchgemacht. Denn während z. B. im 18. Jahrhunderte der Zustand der Naturvölker noch mii dem Zustande der Urzeit des Menschengeschlechtes von den Ethnographen identifiziert wurde^ Hessen die Ethno- logen des 19. Jahrhunderts diese Auffassung als irrig und irreführend gänzlich fallen. Naturvölker sind nun nicht mehr auf der Stufe der Urzeit stehen gebliebene Völkerschaften^ sondern Yölkerstönune^ welche sich in so vollständiger Harmonie mit ihrer Umgebung befinden^ dass ein Gefühl sorglosen Frohsinnes und ruhiger Zu- friedenheit, eine freiwillige Beschränkung auf das Vor- handene oder ohne grosse Mühe Erreichbare, eine Enge des geistigen Umkreises sie an weiterem Fortschritt ver- hindert. Naturvölker brauchen daher nicht weit ab von aller Kultur zu leben oder den Einflüssen bestimmter Klimate ausgesetzt zu sein, um Naturvölker zu bleiben; sie können vielmehr neben, selbst mitten unter Kultur- völkern wohnen, ohne dass eine Kulturübertragung ein- tritt. Zwar ist nicht erforderlich für ein Naturvolk das^ völlige Fehlen jedweder Empränglichkeit für Kultur über- haupt; sie können sogar weniger oder mehr zu ihr hin-

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neigen; indessen bleibt die charakteristische Erscheinung bestehen^ dass sie selbst durch die engste Berührung mit Kulturvölkern kaum bemerkbar gefördert werden, also Naturvölker bleiben und als solche, neuen Einflüssen er- liegend, entweder aussterben oder aber in einem Kultur- volke vöUig aufgehen und so ihre Selbständigkeit ver- lieren. Das Wesentliche der Naturvölker liegt daher im Stillstand, das der Kulturvölker in der unaufhaltsam fort- schreitenden Entwicklung; in der Beharrung findet das Naturvolk sein Lebensglück, im Fortschritt nach allen Richtungen das Kulturvolk; Hauptbedürfnis ist den Naturvölkern die ßuhe, den Kulturvölkern die Arbeit. Die beachtenswerte Thatsache, dass innerhalb der Kultur- völker ein individueller Gegensatz zwischen Fortschritt und Selbstbeschränkung überall sich wiederfindet, spricht dann viel weniger gegen einen fundamentalen Unter- schied zwischen Naturvölkern und Kulturvölkern, als für die von allen Ethnologen der Gegenwart vorausgesetzte Einheit des Menschengeschlechtes.

Innerhalb des Begriffes Naturvölker ist unlängst ein neuer Unterbegriff aufgetaucht, der Begriff der H or d en- völker; als Horden Völker gelten zur Zeit in Afrika die Buschmänner, die Batua, die Ew^ (Akkä), die Akkoa (Abongo) und die Bojaeli, auf Ceylon die Wedda; alle diese Hordenvölker kennzeichnen sich als Zwergvölker (BernhardBruhns, Definition des Horden Völkerbegriffs auf Grund einiger gegebener typischer Formen, Inaugural- Dissertation, Leipzig, Naumann, 1898). Ueber Päderastie und Tribadie bei den Hordenvölkem ist mir nichts be- kannt geworden.

Wer den Wunsch hegt, sich über die hier in Kede stehende schwierige Materie weiter zu unterrichten, findet Ausführliches in den nachfolgend angeführten Schrift- werken:

Th. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. 1. Teil.

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Ueber die Einheit des Menschengeschlechtes und den Natarzustand des Menschen. Leipzig, Fleischer, 1859. 2. Auflage von 6. Gerland, 1877.

Th. Achelis, Moderne Völkerkunde, deren Ekit- wicklung und Angabe. Nach dem heutigen Stande der Wissenschaft gemeinverständlich dargestellt. Stuttgart, Enke, 1896 (Seite 316—330).

A. Vierkandt, Naturvölker und Kulturvölker. Leipzig, Duncker & Humblot, 1896.

Heinr. Schurtz, Urgeschichte der Kultur, Leipzig, Bibliographisches Institut, 1900 (Seite 63—77).

Die für Päderastie und Tribadie in Betracht kommenden Naturvölker sind:

L Die negerartigen Naturvölker: die Austra- lier, die Melanesier, die Neger Afrika's und Madagaskar's;

II. die malayischen Naturvölker: die Malayen auf den ostindischen Inseln Sumatra, Java, Capul, die Malayen auf Madagaskar und die Polynesier;

in. die amerikanischen Naturvölker mit Ausschluss der Eskimo: die Indianer, und endlich

IV. die Arktiker oder Hyperboreer: die Es- kimo, zumeist in Nordamerika (Grönländer, Konjagen) und die mcmgolenartigen Beringsvölker des nordöstlichen Asiens (Tuski, Kenntier-Tschuktschen, Korjaken, Itelmen und Aleuten).

Während hinsichtlich der Päderastie bei den Natur- völkern ein Material in der Literatur vorliegt, so umfang- reich, dass es in den mir zugewiesenen Rahmen sich kaum einzwängen lässt, stellt sich das Quellenmaterial bezüglich der Tribadie als äusserst dürftig heraus. Ich schicke deshalb das kurze Kapitel Tribadie dem längeren Kapitel Päderastie voraus.

Was aber meine Darstellungsweise anbetrifft, so habe ich vielfach die Schriftsteller, welche mir als Quelle dienten, ganz oder fast wörtlich übernommen, da ich es

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nicht als ein Verdienst anerkenne, deutlich und charak-* teristisch Ausgedrücktes blos deshalb mit anderen Worten zu geben, um den Eindruck zu verwischen, dass man den Spuren Anderer gefolgt ist. Ueberall ist die Quelle ge- nau bezeichnet; eine einfache arabische Zahl bedeutet die Seite, nur wenn sie vierstellig ist, das Erscheinungs- jahr; eine römische Zahl den Band; d ist decas (Decade), 1 ist liber (Buch), c ist Capitel, n ist Notiz.

Tribadie bei den Naturvölkern. I. Die negerartigen Naturvölker.

Dass lesbische Liebe bei den Negern zu Hause sei, hat schon Bastian (III 310; Schnitze 1900, 163) be- merkt; jedoch sind seine Angaben ohne Quellennachweis und viel zu allgemeiner Natur.

Unter den dunkelfarbigen Bantunegern kommt bei den südwestlichen Ovaherero (Damara) eine Art Ver- bindung zwischen Personen desselben Geschlechtes vor, welche Oupanga oder Omapanga heisst; wenn Männer in einem derartigen Verhältnisse stehen, so besitzen sie ihre Frauen gemeinsam, sind aber Personen weiblichen Geschlechtes omapanga, so bedeutet dieses, dass sie mit einander geschlechtlichen Verkehr pflegen, was mit Wissen und Willen ihrer Eltern geschehen kann (Fr it seh 227).

Konträrsexual angelegte Weiber sind nach Bau- mann bei den Negervölkern Zanzibar^s nicht selten. Die orientalische Sitte macht es ihnen zwar unmöglich, Männerkleidung öffentlich zu tragen, doch thun sie solches in häuslicher Zurückgezogenheit. Andere Weiber ihrer Geschlechtsnatur erkennen sie an deren männlicher Hal- tung, sowie daran, dass ihnen ihre weibliche Kleidung nicht steht (kawapendezwi na nguo za kike). Sie zeigen Vorliebe für männliche Verrichtungen. Geschlechtliche Befriedigung suchen sie bei anderen Weibern, teils kon-

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trär angelegten^ teils normalen Weibern, die sich aus Zwang oder Gewinnsucht dazu hergeben. Die aus- geführten Akte sind: einander lecken (kulambana), die Geschlechtsteile an einander reiben (kusagana), und sich den Ebenholz-Penis beibringen (kujitia mbo ya mpingo); die letztgenannte Art des Genusses ist insofern bemerkens- wert, als dazu ein besonderes Gerät erfordert wird; es ist dieses ein Stab aus Ebenholz in der Form eines männlichen Gliedes von ansehnlicher Grösse; derselbe wird von schwarzen und indischen Handwerkern zu dem bezeichneten Zwecke hergestellt und insgeheim verkauft; er soll bisweilen aus Elfenbein gefertigt werden. Es konmien zwei Formen des Stabes vor: die eine, einfache Form hat am stumpfen Ende eine ringförmige Kerbe, um welche eine Schnur geschlungen wird, die das eine der Weiber sich um den Leib bindet, um an dem anderen den männlichen Akt nachzuahmen; dieser Stab ist meist durchbohrt, und es wird dann zur Nachahmung der Eja- kulation warmes Wasser eingefüllt; bei der anderen Form, einem Doppelpenis, ist der Stab an beiden Enden eichei- förmig zugeschnitzt, so dass er von den beiden beteiligten Weibern zugleich in die Scheide eingeführt werden kann, zu welchem Behufe dieselben eine sitzende Stellung ein- nehmen; auch dieser Stab ist durchbohrt. Vor dem Gebrauche werden die Ebenholzstäbe eingeölt. Die be- schriebenen Geräte werden ausser von Konträrsexualen auch von normalen Weibern in den Harems der Araber angewendet, in denen die Frauen bei strenger Abschliess- ung genügende geschlechtliche Befriedigung nicht finden, und gelten als eine arabische Erfindung. Nach den arabischen Gesetzen wird Tribadie bestraft, ebenso machen, sich auch die Handwerker, welche den Ebenholzstab liefern, strafbar; dieser kann daher nur schwer und mit ziemlichen Unkosten erworben werden (Baumann 669 671, mit ^wei Figuren der Ebenholzstäbe).

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Unter den heDfarbigen Negervölkern Südafrika^s findet sich bei den Hottentotten (Koi-koin) die Mastur- bation der weiblichen Jugend als eine so häufige Art der geschlechtlichen Befriedigung^ dass man versucht sein könnte^ sie als Landessitte hinzustellen; Fritsch (283) hält es nicht für ausgeschlossen, dass die regelmässige Verlängerung der Schamlippen (sogenannte Hottentotten- schürze) und auch die Verlängerung der Clitoris hev der Hottentottin gar nichts Absonderliches darstelle, sondern recht wohl wesentlich nur eine Hypertrophie in Folge der ausserordentlich häufigen Masturbation sein könne. Aus dieser wird auch nicht ein Geheimnis gemacht, viel- mehr von ihr wie von der alltäglichsten Sache in den Erzählungen und Sagen gehandelt; so erzählt man, einem Mädchen sei dabei das Herz abgestossen worden; in einem anderen Falle soll ein Mädchen von den auf ihm hockenden Gespielinnen erdrückt worden sein ; aber diese Vorgänge werden durchaus nicht ihrer Wunderbarkeit halber erzählt, sondern sie dienen nur als Anknüpfungs- punkte und Ausgangspunkte für nachfolgende Gespenster- geschichten (Fritsch 351). Auf meine Anfrage, ob in solchen Fällen Masturbation zu zweien, also Tribadie ge- meint sei, hatte Herr Geheimrat Professor Dr. Gustav Fritsch die Freundlichkeit, mir zu erwidern und die Veröffentlichung seiner Erwiderung mir zu gestatten: 9 Wenn Mädchen mit einander ,omapanga' sind, so treiben sie Unzucht mit einander. Dabei handelt es sich also sicher um mindestens zwei Individuen; die Art der Un- zucht ist wohl wechselnd, doch scheint lesbische Liebe jedenfalls weniger verbreitet als gegenseitige Masturbation, sei es manuell, sei es mittelst eines passenden oder un- passenden Fremdkörpers. Auf einen Fall letzterer Art bezieht sich die Stelle, wo die eine Gespielin der andern, indem sie auf ihr hockte, das Herz abgestossen habe. Dabei handelt es sich mit grösster Wahrscheinlichkeit um

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ein Durchstossen des Scheidengewölbes und Eröffnung der Peritonealhöhle mittelst eines harten Gegenstandes^ Ich erinnere mich aus meiner Studienzeit eines von Langenbeck erwähnten Falles^ wo ein Mädchen sich selbst mittelst eines Bleistiftes masturbierte^ beim unerwarteten Erscheinen der Lehrerin sich niedersetzend^ den Bleistift durch das Scheidengewölbe in die Blase stiess und daran zu Grunde ging.*

II. Die malayischen Naturvölker.

Auf Tahiti gab es nach Bastian unzüchtige Tänze der Mädchen (Timoradi-Tänze), an denen Weiber nach ihrer Verheiratung nicht mehr teilnehmen durften (Bas- tian m 307); um welche Art Unzucht es hier sich han- delt, wird nicht bezeichnet, auch eine Quelle nicht angegeben»

IIL Die amerikanischen Naturvölker oder Indianer.

Die Indianer Nordamerikas. Im Handbuche der Geographie und Statistik für die gebildeten Stände, begründet durch C. G. D. Stein und Ferd. Hörschel- mann, neu bearbeitet von J. E. Wappäus, 7. Auflage, 1. Bandes 2. Abt. Nord-Amerika, Leipzig, Hinriehs 1855^ wird Seite 353 ausgeführt, der Hauptgrund des raschen Aussterbens der Urbewohner von Neu-Caledonia scheine, wenigstens bei vielen Stämmen, in einer tiefen sittlichen und physischen Gesunkenheit der Kace gesucht werden zu müssen; nicht am wenigsten hätten zu dieser Ge- sunkenheit wohl die „beispiellosen Ausschweifungen" bei- getragen, denen das weibliche Geschlecht schon in den Kinderjahren sich hingebe und welche unmöglich so all- gemein sein könnten, wenn sie erst durch den Verkehr mit den Weissen wären veranlasst worden. Eine Quelle für diese Notiz aufzufinden, habe ich mich vergeblich be- müht: und da ich nicht zu erraten vermag, ob es sich bei diesen beispiellosen Ausschweifungen, denen bereits

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die Kindheit sich hingiebt, um Masturbation oder Tribadie oderum beides handelt, so habe ich das oben zitierte Werk in die Literatur am Ende dieser A^rbeit auch nicht auf^ genommen.

Die Indianer Süd-A merikas. Unter den bra- silianischen Tupistämmen leben Indianerinnen, welche das Keuschheitsgelübde ablegen; sie wollen sich mit einem Manne nicht einlassen und würden auch selbst dann sich einem Manne zu ergeben nicht einwilligen, wenn man sie tötete; diese Personen widmen sich niemals einer ihrem Geschlechte zustehenden Beschäftigung; sie ahmen in Allem den Männern nach, als wenn sie aufgehört hätten, Weiber zu sein; sie tragen ihr Haar wie bei Männern geschnitten; in den Krieg ziehen sie mit einem Bogen und Pfeilen; sie gehen mit den Männern auch auf die Jagd. Jede von ihnen hat zu ihrer Bedienung eine In- dianerin und sie sagt aus, dass sie mit dieser verheiratet sei; beide leben zusammen wie Ehegatten (Gandavo 116-117; Bastian III 310; Schnitze 1900, 163).

IV. Die Arktiker oder Hyperboreer.

Tribadie wurde für die inongolenartigen isolierten Naturvölker des nordöstlichen Asiens (Beringsvölker) fest- gestellt. ^Auf Kamtschatka treiben auch Weiber mit Weibern Unzucht, vermittelst der Clitoris, welche sie am Bolschaia Beka Netschitsch nennen: vordem haben die Weiber sehr stark Unzucht mit Hunden getrieben* (Steller 289a; Klemm II 207; Wuttke I 184).

Päderastie bei den Naturvölkern.

I. Die negerartigen Naturvölker.

1. Die Australier.

Wenn die Knaben des Wiraijuri-Stammes auf Neu- Süd-Wales mannbar werden, so wird ein Fest ihrer Ein-

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weihung gefeiert. Die Sittenlehre, welche bei dieser Ge- legenheit ihnen beigebracht wird^ erscheint auf den ersten Blick im höchsten Grade unsittlich und lässt sich nicht leicht wiedergeben. In pantomimischen Tänzen werden ihnen verschiedene Verletzungen gegen Eigentum und Xeuschheit vorgeführt^ aber indem die das Fest leitenden Greise und die bestellten Wächter der Knaben diese Dar- stellungen liefern^ teilen sie den Jünglingen mit, was die Folgen wären^ wenn sie nach dem Verlassen des Ein- weihungslagers die dargestellten Verletzungen begehen würden. So sagt z. B. ein Greis: „wenn ihr von hier nun fortgeht und etwas dem Ähnliches thut, was ihr hier sehet, so sollt ihr sterben", d. h. entweder durch magische oder durch unmittelbare Gewalt. Dasjenige nun, was auf diese Art verboten wird, ist dadurch genügend ge- kennzeichnet, dass unter Anderem darunter sich befinden: der Mangel an Achtung vor den Greisen, die Notzucht, die Päderastie, die Selbstbefleckung; den Jünglingen aber wird es bei Todesstrafe untersagt, etwas von dem zu er- zählen, was sie bei dieser Einweihungsfeierlichkeit zu hören und zu sehen bekommen (Howitt 450; 454j.

2. Die Melanesien

Nach Waitz (VI 631) und Müller (310) sollen „unnatürliche Laster" weder auf den Fidschiinseln noch überhaupt in Melanesien und Australien bekannt sein; indessen hat Foley vor etwa 20 Jahren sehr eingehende Mitteilungen über die Lebensgewohnheiten der Neu-Cale- donier veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass Päderastie bei ihnen Volks sitte ist. Nach Foley giebt es auf Neu- Caledonien Dörfer verschiedener Art. Reiche und be- festigte, wie Poepo, liegen auf einem vollständig ge- schützten Platze. Auf dem Wege von Poepo nach Bailad xlagegen trifft man andere, ärmere und unbefestigte, weit- hin sichtbare Dörfer in weniger günstiger Lage. Die

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Hütten der Eingeborenen in diesen zweierlei Dörfern sind ebenfalls verschieden. In den befestigten Dörfern hat man zwei Arten von Hütten: grosse und höhere aus- schliesslich zum Gebrauche der Männer^ und kleine^ nied- rigere nur füj die Weiber mit ihren Kindern bestimmt. Alle Hütten einer Art bilden eine für sich abgeschlossene Gruppe. Die Hütten der Männer liegen einander gegen- über und grenzen so nahe aneinander^ dass ein Labyrinth von Gängen gebildet wird, durch welche ein Ortsun- kundiger sich gar nicht hindurch findet; alle Männer- hütten sind reich-, aber so gleichartig verziert, dass sie «ich nicht von einander unterscheiden lassen ; die Gruppe <ler Männerhütten wird ganz von Pfahlwerk eingeschlossen. Die Hütten der Weiber sind einfach verziert und liegen ausserhalb der Befestigung. In den ärmeren Dörfern bewohnen zwar beide Geschlechter eine und dieselbe Hütte, welche vollständig unter Bäumen verborgen liegt und daher schwer zu finden ist; aber die Männer schlafen auf der einen, die Frauen mit den Kindern auf der anderen Seite der Hütte. Ausser den sesshaflen Dorfbewohnern birgt die Insel noch umherziehende Nomadenstämme, die weder Dörfer anlegen noch überhaupt feste Hütten be- isitzen; diese Stämme werden in den Dörfern^ deren Nähe sie aufsuchen, um zu lagern, nicht geduldet; sie reissen dürres Kraut aus der Erde, fügen es zu einem Haufen und zünden es an; halten sie den Boden durch die Glut des Feuers für genügend erwärmt, so löschen sie das Feuer und strecken sich in der Asche zum Schlafe aus; auch bei diesen Nomaden aber schlafen die Männer von den Frauen getrennt. Ausser der Sitte der nächt- lichen Geschlechtertrennung haben alle Stämme Neu- Oaledonien's noch die Sitte gemeinsam, dass sie ihren Ge- schlechtstrieb niemals in der Hütte, sondern nur im Ge- hölz befriedigen und dass der Begattungsakt in der Stellung der Hunde vollzogen wird. Diese Naturvölker bilden

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zwar Familienverbände^ in denen die Eltern ihre leib- lichen Kinder^ die Kinder ihre Eltern und auch die Ge- schwister einander als solche kennen ; aber es fehlt ihnen der häusliche Herd und das gemeinsame Gattenlager; die Einwohner eines Dorfes speisen gemeinsam und die beiden Geschlechter schlafen getrennt. Die Männer stehen unter- einander in einer mit Päderastie eng verflochtenen, viel- leicht auf ihr beruhenden Waflenbrüderschaft. Die vielen Frauen, welche zur Zeugung dienen, sind nur Sklaveti und Lasttiere der Männer und werden von diesen nach Laune Verstössen; neben ihnen giebt es in geringerer An- zahl alte Weiber und in jedem Dorfe einige Buhlerinnenp die alten Weiber wissen als Zauberinnen sich Achtung zu verschaflen und fertigen die wenigen Gerätschaften^ deren man bedarf, an; die Buhlerinnen aber sind die ge- borenen Feinde der Päderastie; sie suchen durch Putz und herausfordernde Geberden, in denen sie es zu einer grossen Kunst bringen, die Männer^ und zwar vornehm- lich die Oberhäupter, für sich zu gewinnen (Foley 604—606; 678; Ellis-Symonds 5).

3. Die Neger.

Unter Negern sind hier nur die dunkelfarbigen, woll- haarigen Eingeborenen Afrikas verstanden, alle hellfarb- igen Südafrikaner und alle helleren, locken- und straff- haarigen Ost- und Nordafrikaner aber davon ausge- schlossen; von den Bewohnern der grossen Insel Mada- gaskar gehören die Sakalaven den Negern zu.

Nach K.atzel(II14— 15) sollen „unnatürliche Laster*^ angeblich erst durch Fremde bei den Negern verbreitet worden sein. Dieser Auffassung würde aber ein allge- meiner Ausspruch von G. Fritsch schroff gegenüber- stehen, welcher lautet: „Jedenfalls bedarf es keiner grossen Einsicht, um zu erkennen, dass die Sinnlichkeit und die

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beim Mangel an Moral daraus folgende Unsiitlichkeit im afrikanischen Blute liegen" (F ritsch 55).

Die B antun eger. Oskar Baumann ist der ein- zige Ethnograph, welcher den konträrsexuellen Erschein- ungen bei den Negervölkern tiefere Aufmerksamkeit ge- schenkt zu haben scheint; zu bemerken ist nur, dass die Darstellung des von ihm Beobachteten sichtlich voll- ständig unter dem Einflüsse der Lektüre der Krafft- Eb in g- Moll-Literatur zu Stande kam. Nach Bau- mann soll bei der männlichen Negerbevolkerung Zanzi- bar's sowohl angeborene als auch erworbene konträre Triebrichtung ziemlich häufig vorkommen, angeborene unter den Stämmen Liner- Afrikas aber seltener auftreten; die grössere Häufigkait in Zanzibar schreibt er dem Ein- flüsse der Araber zu, welche zusammen mit Komorensern und wohlhabenderen Swahili- Mischlingen das Hauptkon- tingent zu den Erworben-Konträren stellen sollen. Bei diesen Leuten trete, da sie meist sehr früh zum Geschlechts- gen usse gelangten, bald Uebersättigung ein, welche es ihnen nahe lege, durch konträre Akte neuen Anreiz zu suchen, nebenher aber auch normale Akte auszuführen. Später gingen sie jeder Libido zum weiblichen Geschlecht verlustig und würden aktive Päderasten, um mit ein- tretender Impotenz zu passiver Päderastie überzugehen; ihre Objekte gehörten fast ausschliesslich der schwarzen Sklaven-Bevölkerung an; nur selten gäben sich arme Freie, Araber, Belutschen u. a. aus Gewinnsucht dazu her. Die zur Pädikation auserlesenen halbwüchsigen Sklaven würden von jeder Arbeit femgehalten, gut gepflegt und plan- mässig verweichlicht. Anfangs fänden sie am normalen Geschlechtsakte Gefallen und blieben auch normal, wenn sie nicht zu lange als Lust-Knaben Verwendung fänden; geschähe dieses, so schrumpfe allmählig das Scrotum, das Glied verliere die Fähigkeit zur Erektion und das Lidividuum fände nur noch an passiver Päderastie Ge-

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schmack. und NachahmuDg dieser fremden Sitten sei es, durch welche auch die Neger Zanzibar's zu konträren Akten gelangten. Indem diesen nämlich eigene Sklaven vielfach nicht zur Verfügung ständen, so habe sich eine männliche Prostitution entwickelt, welche sich teils aus früheren Lustknaben der Araber, teils aus anderen Negern ergänze. Die Betreffenden lebten hauptsächlich in Ngambo und betrieben ihr Gewerbe ganz öffentlich ; manche unter ihnen trügen Weiber-Kleidung; bei fast jedem Tanze in Ngambo könne man sie mitten unter den Weibern sehen; andere erschienen in männUcher Tracht, trügen jedoch an Stelle der Mütze ein Tuch um den Kopf geschlungen; viele endlich verschmäheten jegUches Abzeichen. Die meisten dieser Leute sollen nach Baumann an Mastdarm-Leiden^ die sie anfangs durch Verstopfen mit Tüchern und An- wendung von Parfüms zu verbergen trachteten, zu Grunde gehen; alle, sowohl aktive als passive Päderasten ständen im Rufe, starke Trunkenbolde zu sein, woher es komme, dass die Swahili-Bezeichnung für Säufer (walevi) vielfach direkt für Päderast angewendet werde. Männer von an- geboren-konträrer Sexualität zeigten von Jugend auf Trieb zum Weibe nicht, fänden vielmehr an weiblichen Arbeiten, wie Kochen, Mattenflechten u. dergl. Vergnügen; sobald ihre Angehörigen dieses bemerkten, fügten sie sich ohne Widerstreben dem Thatbestande dieser Eigenheit; der junge Mann lege Weiberkleidung an, trage das Haar nach Weiberart geflochten und benehme sich völlig als Weib; sein Verkehr bestehe hauptsächlich aus Weibern und männlichen Prostituierten ; geschlechtliche Befriedigung suche er wesentlich in Pädikation und in beischlafähn- lichen Akten; kufira heisse pädicieren, kufirwa pädiciert werden; in ihrer äusseren Erscheinung seien die angeboren- konträren Männer von männlichen Prostituierten nicht zu unterscheiden; gleichwohl sähen die Eingeborenen zwischen ihnen einen scharfen Unterschied, indem sie die

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berufsmässigen Lustknaben verachteten^ das Verhalten der geborenen Konträren dagegen als Willen Gottes (amri ya muungu) zu dulden pflegten. Für homosexuale Männer habe die Swahili-Sprache die Bezeichnung mke-simume d. h. Weib^ kein Mann; doch fände auch der Ausdruck mzebe und das dem Arabischen entlehnte^ eigentlich Im- potente bedeutende hanisi auf sie Anwendung. Da» arabische Gesetz sei in der Verfolgung der männlichen Konträren^ obwohl der Korkn die Päderastie streng ver- biete, ziemlich tolerant (Baumann 068—670).

Aus den Negerstämmen Inner-Afrikas waren Bau- mann nur zwei Fälle von Effemination und passiver Päderastie zur Kenntnis gekommen; der eine betraf einen Mann aus Unyamwesi, der andere einen Mann aus Uganda (Baumann 668, 1).

Johnston (408 409, l) hat sich mit grosser Ent- schiedenheit gegen die Berechtigung ausgesprochen, ge- wisse, das konventionelle Schicklichkeitsgef tihl verletzender Missbräuche oder Unregelmässigkeiten im geschlechtlichen Verkehr der Neger, wie sie z. B. bei festlichen Tänzen unter Gebrauch des Phallus als Symboles der schöpfer- ischen Kraft alljährlich einmal stattfinden, als lasterhaft hinzustellen; solche Sitten möchten unrecht sein, den- vitalsten Interessen der Gemeinschaft widerstreiten, auch Aufsicht und Einschränkung erfordern, aber lasterhaft seien sie nicht; der Neger sei überhaupt sehr selten laster- haft, wenn er nur erst das Pubertätsalter überwunden habe; er sei massig und viel mehr frei von Lastern als die meisten europäischen Nationen. Einzig die Neger- k n a b e n seien lasterhaft ; unter denen des Atonga-Stammes^ herrsche nach Mitteilung eines Missionars an ihn ein Laster, das er nicht einmal mit verschleierndem Latein- bezeichnen möge und von dem er vermute, dass ihm die^ männliche Jugend aller Negerstämme huldige.

Schneider (I 295 296) bemerkt, Päderastie und

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andere «unnatürliche Laster*' in den östlichen Negerländern seien durch die Nubier dorthin importiert worden ; in den Quellenwerken von Werne und Combes^ auf die Schneider sich beruft^ ist davon nichts enthalten.

Die Sudanneger. Nach Werne (120) ist das , schändliche Laster der Päderastie*, welches in Griechen- land wie im ganzen Oriente* überhaupt gleichsam zu Hause,, selbst zum Gegenstande der Unterhaltung oline alle Scham gebraucht werde, glückUcherweise im ganzen Lande Sudan weder bei den Eingeborenen, noch bei den arabischen Stämmen bekannt. Dass jedoch die Türken von dem Grössten bis zum Kleinsten es zu verbreiten bemüht seien und sich ihre Knaben halten, die man Pust nenne, verstehe sich von selbst. Die von W erne alsdann mitgeteilten Beispiele zur Belegung seiner Behauptung sind so lebendig geschildert, aber zugleich so nichts- beweiseud und andere Deutungen zulassend, dass ich nicht unterlassen möchte, sie ausführlich wiederzugeben, ob- schon sie strenge genommen nicht mehr in den Kahmen vorliegender Arbeit gehören.

Feizulla Capitan hatte, aus Vorsicht, um bei ein- tretender Epilepsie sogleich Hilfe zur Hand zu haben, «inen ägyptischen Matrosen, mit Namen Chattap, zum Koch, welcher mit einem jungen Dongolaner in Werners Kajüte an der Erde schlief. Li der Nacht wollte dieser Fellach den Kiiaben missbrauchen und hielt ihm die Gurgel zu, während Werne von seinem Lager auf ihn herabstürzte und ihn zur Thüre hinausriss, um ihn in den Nil zu werfen, woran er jedoch durch die Wache ver- hindert wurde. FeYzulla Capitan hatte bereits den Koran wieder mit der Schneiderei vertauscht, bei Soliman Kaschef von Neuem Araki getrunken und schlief dergestalt, dass •er nicht aufzuwecken war. Als ihm Werne am Morgen den Vorfall erzählte, geriet jener mehr in Verlegenheit, wie er seinen Mundkoch und Calefaktor retten möge.

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als darüber, ihn augenblicklich zu bestrafen. Eine solche Gleichgiltigkeit hatte Werne wirklich nicht erwartet j als der „unverschämte Mundkoch* nun auf die Kajüte zukam, um dem Kapitän Kaffee zu bringen, verbot ihm Wern e unter Androhung von Misshandlung den Eintritt, während der Koch sein gewöhnliches langweiliges Gesicht machte und dem jungen Dongolaner Befehl gab, den Kaffee entgegen zu nehmen. Da die Päderastie nicht allein durch den Koran, sondern auch durch die Kriegs- artikel schwer verpönt wird, so trug Werne auf Be- strafung des Kochs bei den beiden Kommandanten an, da er ihn in flagranti gepackt habe und sein Vergewal- tigungsversuch auch durch den Dongolaner bestätigt werde. Aber auch die Kommandanten nahmen die Sache nicht so ernsthaft; sie stundeten dem Koch die verdienten 500 Stockprügel und versetzten ihn auf ein anderes Schiff, wo er ungeachtet vorgeblicher Krankheit gleich den übrigen Matrosen arbeiten musste (Werne 120 121). Noch bunter gestaltet sich ein anderes päderastisches Bild : An der Spitze steht Selim Capitan, dem es wahrer Ernst um die Sache ist, ihm zur Seite SoHman Kaschef, der dem würdigen Sohne von Kreta ,in der Kultur nichts nachgeben und lachen und Zeitvertreib haben will*. Nicht nur, dass sie auf ihren Schiffen obscöne Manipulationen mit den Buben vornehmen, suchen sie auch die Knaben der Eingeborenen mit Glaskorallen zu gewinnen und lassen sie durch die türkischen Soldaten einfangen, was natürlich blos im Scherze geschieht. Für Werne war es ein empörender Anblick, besonders wenn, er bedachte, auf welche ,,grässliche Art die Moralität dieser Völker von vom herein durch die türkischen Bestien unter- graben" werde. Was man dem Hauptmann Selim A^, dem Russen, in Bezug auf die griechische Liebe nachsagte, fand Werne hier zur Genüge bestötigt; da stand er vor der Kajüte des Selim Kapitän und fasste

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eiiien dort befindlicheii eingeborenen Knaben auf eine un- anständige Art an. Die Eingeborenen selbst standen am Ufer nahe dabei und lachten, ^da sie die Bedeutung dieser Unanständigkeit nicht kannten **. Werne befand sieh ebenfalls am Lande, wo er sich einige Hölzproben absägen liess und schrie sogleich drohend dem Mosko- witen zu; dieser aber hörte nicht auf ihn, bis Werne ein Stück Holz nahm, um es dem Hauptmann an den Kopf zu schleudern. Thibaut und Sabatier hinderten ihn an der Ausführung dieser Absicht und meinten, man müsse sich über eine solche Sache hinwegsetzen« Der Russe zog sich danach sofort in die Kajüte zurück, wahr- scheinlich um Werne bei Selim Capitan^ welcher als Päderast seinem kretischen Ursprünge Ehre machte, zu verklagen. Auch Achmet Sascha kannte den Bussen sehr gut und wollte ihm daher nicht erlauben, seine Weiber von Alexandrien nach Chartüm kommen zu lassen, um ihnen den „trostlosen Anblick" seiner Buben oder Pust (wohl von ?} TToVrfij, das männliche Glied, neugriechisch xokovfxßaQag) zu ersparen. Gerade deshalb hatte auch Werne sein An- erbieten in Chartüm, auf seinem Schiffe die Fahrt mit- zumachen, mit der geraden Erklärung ausgeschlagen, däss er \ Weiberfeind" sei. „Wo wird schliesst Werne die vom Korän angedrohte Todesstrafe vollzogen! Die Neugriechen schrieen, drakonische Gesetze!^, als das Gesetz- buch von Maurer promulgiert wurde " (Werne 383). Auch nach Barth sind „unnatürliche Laster* in B<5rüu (Zentral-Sudän) im Allgemeinen unbekannt; die Erzählung, an welche diese Bemerkung geknüpft wird, rechtfertigt die gemachte Einschränkung. Unter den Börnu- Freunden Barth^s waren um diese Zeit die „belehrendsten" Schitima Makar^mma und Amssakai. Der Erstere dieser beiden, der ein Hofmann der alten Dynastie gewesen war und sein Leben durch seine Intriguen gerettet hatte, war ein höchst gescheidter alter Mann, aber ein anerkannter

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Gauner, dem „unnatürliche Laster" zugeschrieben wurden, „die im Allgemeinen in diesen Gegenden unbekannt zu sein scheinen*. Er war der einzige mit der Geschichte der alten Dynastie wohl bekannte Mann ; ausserdem sprach er die Knaöri-Sprache mit so ausgezeichneter Schönheit, wie Barth es von Niemanden ausser ihm hörte. Er hatte zwei sehr schöne Töchter, deren eine er so glück- lich war mit dem Vezier zu verheiraten, deren andere mit dessen Gegner *Abd e' Rahmän. Das war der Glanz- punkt seines intriguanten Daseins; aber bald darauf,' im Dezember 1853, ward er mit dem einen dieser beiden Schwiegersöhne, dem Vezier Hadj Beschir, von dem anderen Schwiegersohne hingerichtet, und bei der Teil- nahme, die Barth für das unglückliche Ende seines Freundes, des Veziers, hatte, that ihm nichts mehr leid, als dass er mit diesem Schurken zusammen war hinge- richtet worden (Barth II 374—375).

Die Dahom ey-Neger. Ein völlig abweichendes Bild zeigt die Päderastie, wie sie bei den Negervölkem der Sklavenküste, im Königreiche Dahomey, sich ent- wickelt hat. Die schrankenlose Selbstsucht des Herr- schers von Dahomey, der, als vollkommen mit seinem Laude identisch, einfach „der Dahomey" genannt wird, belegte fast alle Frauen seines Landes für seine Person mit Beschlag; die Mehrzahl der Männer im Volke, an der ihnen zusagenden Befriedigungsweise des Geschlechts- triebes hierdurch verhindert, ahmte das von Päderasten ihnen gegebene Beispiel nach, und die Päderastie, ein- mal Volkssitte geworden, wurde dann später von dem Herrscher und den Vornehmen selbst angenommen, um so zu einer, gesetzmässigen Einrichtung ausgestaltet zu werden (Bastian III 305, Schnitze 1900, 162). Nach Fleuriot de Langle (243) giebt es in Whydah bei Hofe eine Art ^Eunuchentum", welches aber nicht, wie anderwärts, nur eine private Wache für den Frauen-

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harera des Herrschers darstellt, sondern eine Staatsein- richtung ist; die Lagredis oder Effeminierten des in jeder Beziehung unumschränkten Dahomeyherr- schers werden unter den Söhnen der Vornehmen des Landes ausgewählt und von ihrer frühesten Jugend zum Genüsse solcher Getränke gezwungen, welche die Leiden- schafben des Blutes ersticken; ihr Oberhaupt, selbst ein Effeminierter, spielt am Hofe eine bedeutende Rolle und gehört zum Staatsrate: Die Gesandten gehen nur in Begleitung von zwei Lagredis auf Reisen, und diese sind verpflichtet, deren Verträge zu überwachen und über Ausführung derselben dem absoluten Könige unmittelbaren Bericht zu erstatten. Nach Barret (I 164 165) wird der Dahomeykönig von einem Rate seiner Landesgrössen, die demütige Schmeichler seiner Willensäusserungen sind, in der Regierung des Landes unterstützt; mit der Ver- waltung des ganzen grossen Königreiches sind acht hohe Beamte beauftragt: einM^hou als erster Minister, ein Minghan als zweiter Minister, ein Kambod^ als Kammerherr, einAvoghan oder Yavogan als Kommandant von Whydah, ein Gao und Poissou als Kriegsminister, ein Cab^cfere als Distriktsgouvemeur, ein Racad^re als Adjutant des Königs und ein Tolonu (Tolonou) als erster „Eunuch^' und Mundschenk des Königs; diesem Tolonu sind die Frauen und Effeminierten des Königs unterstellt, und sein Rang ist so hoch, dass er unmittelbar zwischen den König und seinen ersten Minister sich ge- stellt sieht. Als Residenz des Königs gilt nicht Whydah, sondern Abomey (oder Agbom^, die durch Thore ge- schlossene Stadt); nie erscheint der König in Whydah (franz. Ouidah), welches die Stadt der Weissen ist (Barret I 160). Bei Norris (415) wird ausser von Hängebetten - Trägern noch von ^Verschnittenen" berichtet, welche die Portechaise-Träger ablösten; ihrer nahmen (Norris 422) dreissig, wie Weiber gekleidet, an einer Art Prozession

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teil, und jeder hielt eine blinkende eiserne Gerte in seiner Hand.

Die Neger der Insel Madagaskar. Bei den Manghabei herrschten um die Mitte des 17. Jahr- hunderts sehr lockere Sitten; schon kleine Knaben und kleine Mädchen trieben Liebesspiele im Beisein ihrer Eltern, welche darüber lachten und selbst dazu den An- reiz gaben; bisweilen nahmen kleine Buben, ohne Scham, in Gegenwart ihrer Eltern, Ausschweifungen an Kälbern und Zicken vor. Die Sklaven in ihrer Mittellosigkeit, die ihnen unmöglich machte, den Mädchen ihre Dienste zu bezahlen, gebrauchten zur Befriedigung ihrer Begierden ohne Strafe, ja ohne Tadel, die Kühe ihrer Herrschaft. Auch gab es einige verweiblichte und als impotent geltende Männer, welche man Tsecats nannte; diese geberdeten und kleideten sich wie Weiber und stellten den Jünglingen nach; sie «thaten, als seien sie in dieselben verliebt*' und boten ihnen auch an, mit ihnen zu schlafen ; sie legten sich selber Frauennamen bei und spielten die Bolle verschämter und schüchterner Mädchen (Flacourt 86). Dennoch soll nach demselben Gewährsmanne bei den Manghabei Päderastie nicht in Gebrauch, ja diesem Stamme ganz unbekannt gewesen sein. Auf seine Er- kundigungen nämlich bei den Tsecats selbst, weshalb sie so lebten, erhielt Flacourt die Auskunft, sie widmeten sich dieser Lebensführung seit ihrer Jugend, gemäss der Sitte ihres Landes, hätten das Gelübde der Keuschheit abgelegt, und dass sie die Gesellschaft junger Burschen suchten, gehe weder aus niedrigen Absichten her- vor, noch werde ihre Zuneigung von unanständigen Handlungen begleitet; dieses alles wurde ihm auch von seinen Negern und deren Frauen bestätigt; dieselben erklärten, die Tsecats dienten durch ihre Lebensart Gott ; sie verabscheuten die Weiber und wollten ihnen nicht beiwohnen (Flacourt 86; Bastian HI 311). Nach

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Lasnet (475) ist unter den männlichen Sakalaven diä Päderastie ziemlieh verbreitet. Es giebt bei ihnen auch normal gebildete Männer, welche sich vollkommen als Weiber fühlen; schon in früher Jugend werden diese ihres zarteren und schwächlicheren Aussehens wegen wie Mädchen behandelt und, mit den Jahren als Frauen an- gesehen, legen sie auch deren Kleidung und nehmen deren Charakter und Gewohnheiten an. Grosse Sorgfalt verwenden sie auf ihre weibliche Tracht; ihr Haar tragen sie lang, in kugelförmig endende Zöpfe geflochten; in ihren Ohren hängen Ringe mit Silberstücken; am linken Nasenflügel haftet ein Geldstück; Handgelenk und .Fußswurzel werden mit Bändern geschmückt; dem Weibe noch mehr ähnlich zu sehen, bilden sie deren Brüste durch Lappen nach; alle Behaarung wird sorgfältig vom Körper entfernt; auch der wiegende weibliche Gang und die weibliche Stimme ist ihnen eigen. Einen Mann, der ihr Gefallen erregt, bezahlen sie, auf dass er bei ihnen schlafe; sie lassen ihn in ein mit Fett gefülltes Ochsen- horn, das sie zwischen die Beine klemmen, den Coi'tus ausführen oder dulden Pädikation. Verlangen zum Weibe kennen sie nicht, und eine durch Weiber bei ihnen veranlasste Erection ist ausgeschlossen. Ihre Beschäftigung besteht aus leichterer Frauenarbeit in Haushalt und Küche, im Strohflechten und dergl. Sie hüten weder das Vieh, noch beteiligen sie sich am Kriege. Die Ge- schlechtsnatur dieser Männer, welche bei den Sakalaven Sekatra heissen, wird von Jedermann anerkannt und ihnen sogar eine gewisse übernatürliche Macht zuge- schrieben, denn man f ürchtet, ein Sekatra könne ihm an- gefügte Beleidigungen durch Fluch und Krankheit rächen (Lasnet 494—495),

Ueber Päderastie beiden hellen Negern Süd- afrika's ist nicht berichtet worden. Herr Geheimrat Professor Dr. Gustav Fr itsch teilte mir unter dem 23. Dezember

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1900 auf meine Anfragen brieflich mit: „Ueber Päderastie unter südafrikanischen Eingeborenen habe ich überhanpt nichts in, Erfahrung gebracht und bin überzeugt, dass si4, damals wenigstens, überhaupt kaum vorgekommen ist. Die Abneigung gegen diese Perversität sehe ich daher als dem Naturzustand entsprechend an. Im Gegenteil iät Päderastie bei den seit Jahrtausenden hochzivilisierteh Persern in wahrhaft schreckenerregehder Verbreitung. Als Ausfluss einer dekadenten Ueberkultur charakterisiert sich bei den Persem diese Unsitte besonders dadurch, dass mir von vornehmen Leuten im VoUbewusstsein ihrer höheren Kultur ganz oflPen erklärt wurde: ,Im Winter benutzt man die Frau, im Sommer den Knaben, denn im Sommer stinkt die Frau!^ Auch hier haben wir es also unzweifelhaft mit einer allmählig üblich gewordenen Perversität zu thun. Bezeichnend ist in gleichem Sinne auch der von Krafft-Ebing geführte Nachweis, dass Päderastie (seil. Pädikation!) unter den sogenannten Konträrsexuellen nur als grosse Ausnahme vorkommt.

„Ich will nun dabei nicht verschweigen, dass ich die ganze Urnings-Theorie als vom wissenschaftlichen Stand- punkte ungenügend fundiert erachte und die dabei zu Tage tretenden Erscheinungen als Ausflüsse einer besonders gearteten Perversität ansehe. Logischer Weise könnten ja, da nur die entgegengesetzten Geschlechter sich normaler Weise anziehen, zwei Urninge gar nicht mit Genuss zusammen kommen, wie €s thatsächlich geschieht. Der normalsexuelle Mann könnte sich doch von dem konträrsexuellen Mann, für den ihm jedes Verständnis mangelt, nicht angezogen fühlen; zwei konträrsexuelle Männer zusammen gebracht, sollten -sich doch ebenso ab- stossen wie zwei normal- weibliche Personen, so lange nicht Perversität in's Spiel kommt.

«Man müsste also für den Umingsverkehr die offen- bar recht gewagte Hypothese aufstellen, dass dabei die

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VereinigUDg eines Konträrsexuellen mit einem Pervers- sexuellen stattfände. Offenbar im Bewusstsein dieser Schwierigkeit hat sich Krafft-Ehing stets eingehend be- miihiy festzustellen, welcher Teil sich als der aktive, welcher sich als der passive fühle. Auch gegen die hypo- thetische Erklärung K r afft-Ebin g's über das anatomische Zustandekomnaen der Abweichung muss ich Widerspruch erheben. Es ist unerweislich, wie neuerdings so vielfach behauptet wird, dass die ursprüngliche Anlage der Organe eine hermaphroditische sei; denn alsdann müssten die ent- scheidenden Keimdrüsen (Hoden und Eierstock) neben einander aus verschiedenen Anlagen entstehen, während dieselbe Keimanlage Hoden oder Eierstock liefert. Die leitenden ursprünglich indifferenten, durch Funktionswechsel aus anderen (Excretions-) Systemen übernommenen Wege sind nicht entscheidend. Auch ist in der Stammesgeschichte die ungeschlechtliche und monogene Fortpflanzung älter als die zwei- geschlechtliche, welche auf einer durch Arbeitsteilung bedingten höheren Differenzierung ursprünglich gleich- wertiger Zellen beruht. Es ist femer embryologisch un- haltbar, anzunehmen, dass die konträr-sexuellen Erschein- ungen auf einer falschen (gekreuzten) Verbindung der zentralen, ebenfalls hermaphroditisch gedachten Anlagen mit den peripherischen beruhen; denn die peripherischen Organe sind längst fertig ausgebildet, ehe auch nur der Anfang mit der Herstellung der zentralen Leitungsbahnen gemacht ist; sie erscheinen bekanntlich erst ganz all- mählig nach der Geburt im Zusammenhang mit der sich einstellenden Funktion. Dass sich eine zentrale Leitungs- bahn für ein gar nicht vorhandenes weibliches Organ oder umgekehrt für ein nicht vorhandenes männliches ausbilden sollte, ist gänzlich unerfindlich und widerspricht auch dem je nach Bedarf eintretenden vikariierenden Ver- halten benachbarter Rindengebiete.

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^Auch in den konträr-sexuellen Erscheinungen glaube ich daher eine besondere Form sehr früh und vielfach wohl durch Zufälligkeiten besonders entwickelter ge- schlechtlicher Perversität sehen zu sollen. In der Be- urteilung dieser ausserordentlich schwierigen Sache befinde ich mich mit einem grossen Teil unserer Spezialisten in Widerspruch.**

II. Die malayischen NatuFvölker.

1. Die Malayen der ostiudischen Inseln.

Ueber das Sexualleben der B attaer (Battaker) auf Sumatra teilt Junghuhn (II 157) mit, sie hätten ein Gesetz, welches Ehebrecher ohne Gnade verurteile, auf- gegessen zu werden, während sonst von allen übrigen, selbst den schwersten. Vergehen Abkaufbarkeit möglich sei; dieses Gesetz habe eine grosse Keuschheit der Wei- ber in den Battaländern zur Folge, so dass Junghuhn versichern zu können behauptet, diese Keuschheit komme beinahe der der Nonnen gleich und leite sich davon ab, dass die Weiber niemals in Versuchung kämen. Das ge- nannte strenge Gesetz gegen Ehebrecher erscheine auf- fallend bei einem Volke, das sonst gerade nicht als Muster der Moralität dastehe, indem das ;, Laster der Sodomie" allgemein verbreitet sei und nicht bestraft würde. Dem- ungeachtet soll der Battaer nach Junghuhn (II 237) „ohne bedeutende Wollust* sein, womit wieder nicht recht die Angabe stimmen will, dass die Battaer ihre Särge und nachher ihre Gräber mit unkeuschen Holzstatuen, die sich hauptsächlich durch ihre unverhältnismässig grossen .Genitalien auszeichneten, verzierten, eine Eigentümlich- keit, von der sich keine Spur bei den Javanen finde (Junghuhn II 140; Wuttke I 184); diese aber sollen stark wollüstig sein, doch der Gemeine weniger als der Häuptling und die Fürsten ; die Fürsten von Solo und

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Djocjo seien aller Art Wollust ergeben gewesen; die zahlreichen Prinzen und Halbprinzen zu Djocjokarta hätten um 1835 ihre geschlechtliche Wollust zuweilen auf eine so unnatürliche Art ausgeübt, dass es an's Unglaubliche grenze; so war einer von diesen feinen Herren unter allen Geschöpfen vorzugsweisein Enten verliebt (Junghuhn II 241; Bastian III 315). Mit diesen Angaben deckt sich nicHt die allgemeine Bemerkung von Waitz (V 1. Abtl. 157), den Malayen seien geschlechtKche Ausschweifungen fremd. Auf den Sulu -Inseln scheint Päderastie eine ver- breitete Sitte gewesen zu sein. Als im Januar 1588 Tho- mas Ca n diso h auf seiner Seefahrt die Insel Ca pul be- rührte, traf er die meisten Leute nackt, die Mannet höchstens mit einem aus Bananenblättem hergestellten, ihre Geschlechtsteile bedeckenden Schurze; dieser Schurz wurde zwischen die Beine geklemmt und vorn auf dem Nabel befestigt. Die sämtlichen herangewachsenen männ- lichen Eingeborenen zeigten eine merkwürdige Art von Infibulation: jedem männlichen Kinde wurde nach der Beschneidung ein Nagel von Zinn durch die Eichel der Rute getrieben ; die Spitze des Nagels war gespalten und dann umgebogen, der Nagelkopf bildete ein Krönchen; die durch das Eintreiben des Nagels verursachte Ver- wundung heilte im Kindesalter, ohne dem infibulierten Kinde viel Pein zu bereiten ; die Leute zogen den Nagel heraus und steckten ihn je nach Bedarf und Gefallen wieder in die Eichel. Um sich von der Richtigkeit die- ser Thatsache selbst zu überzeugen und wohl auch aus begreiflicher Neugier, machten die Begleiter von Candisch selber die Probe des Ausziehens und Einsteckens dieses Nagels bei einem der Söhne des Häuptlings (Caciken), einem zehnjährigen Knaben. Diese Sitte oder Gewohn- heit war angeblich auf Betreiben der Weiber eingeführt worden; als diese nämlich sahen, dasis die Männer stark der Sodomie (Päderastie) ergeben waren, unterbreitete»

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sie den Häuptlingen ein Gesuch und erlangten für die Zukunft den Gebrauch der beschriebenen Infibulation, um •der für sie so grossen Unannehmlichkeit vorzubeugeji (Prettie 15—16; Brosse I 226—227; Mantegazza 83). Zu dem letzten Punkte bemerkt ganz richtig Pauw, die Beschreibung Prettie 's gebe keine Vorstellung da- von, in welcher Weise durch den Gebrauch des Nagels der Erfolg erreicht werden könne, den man von ihm er- wartet habe; es sei gewiss, dass er die Männer ebenso hindere, wenn sie richtig, als wenn sie unrichtig coitieren wollten (Pauw II 150).

2. Die Malayen auf Madagaskar.

Bei den Betanimenen bilden die Tänzer, welche zur Erhöhung der Festfreuden in den Dörfern beitragen, eine getrennte, wenn auch nicht zahlreiche Klasse voii Männern. Sie haben besondere Sitten und Gebräuche, leben abgesondert, verheiraten sich niemals und hassen und verabscheuen die Weiber (d. h. wohl nur, den ge- schlechtlichen Verkehr mit ihnen), obwohl sie deren Kleidung tragen und deren Stimme, Gesten und Eigen- tümlichkeiten kopieren; sie tragen in den Ohren breite Ringe, um den Hals goldene oder silberne Bänder mit Korallen oder gefärbten Glaskugeln und an den Armen silberne Spangen; sie rasieren sich sorgfältig; man nennt sie Sekatses d. h. Bastarde, „vielleicht, weil es unehe- liche Kinder sind*. Uebrigens pflegen diese Tänzer einfache Sitten zu führen, sie leben sehr massig, sind beständig auf Reisen und werden überall, wohin sie ihr Weg führt, gern aufgenommen; zuweilen erhalten sie sogar beträchtliche Geschenke; Vornehme geben, nachdem die Tänzer ihnen einige Tage hindurch die Zeit angenehm .vertrieben haben, bei deren Abreise als Gieschenk zwei

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oder drei Sklaven mit. Diese Tänzer sind zugleich die Nationaldichter oder Barden der Betanimenen, indem sie Lobgesänge erfinden auf diejenigen Personen, von denen sie angemessen bezahlt werden (Legu^vel de Lacombe I 97—98; Waitz II 438; Mantegazza 105).

Unter den Hova's kommen auch zur Jetztzeit effe- minierte Männer, z. B. in Miarinarivo, vor; sie heissen in Emymien Sarimbavy, von sar, Bild, und »vavy**, Weib (nach Rencurel bei Lasnet 494); von ihnen gilt im allgemeinen dasselbe, was von den Sakalaven, die aber nicht Malayen, sondern Neger sind, mitgeteilt wurde i(siehe vorher S. 102).

3. Die Polynesier.

Sowohl vor Zeiten als auch noch in den 60. Jahren des 19. Jahrhunderts bestanden (nach Remy S. XLIII) die Wohnungen der Eingeborenen von Hawaii aus Hütten von Pandanus-Blättern oder von Rasen und bildeten nur einen einzigen Raum, in welchem alle Familienangehörigen und Gäste unter Matten nächtigten. In Folge dieses engen Zusammenhausens bildete sich eine sittliche Ver- weichlichung aus, die besonders die Kinder ergriff und eine schrankenlose Vermischung herbeiführte. Scham war ein unbekannter Begriff; die , Verbrechen wider die Natur'', Sodomie und Bestialität, waren allgemein. Remy liefert zu seiner Schilderung aber noch einen sehr merk- würdigen Zusatz : unter 10 000 Geburten solle wenigstens ein Hermaphrodit stecken, es solle solchen Misch- wesen eine ebenso lange Lebensdauer wie. den anderen beschieden sein, und sie sollen mehr den Geschmack der Weiber als den der Männer hinsichtlich ihrer geschlecht- lichen Begierden teilen.

Auf seiner Fahrt von den Marquesas-Inseln nach

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Tahiti zu Ende des 18. Jahrhunderts traf Wilson (277) in verschiedenen Distrikten Männer, welche sich wie Weiber kleideten, mit diesen an der Verfertigung von Zeugen arbeiteten, dieselben Nahrungsmittel zu sich nahmen und überhaupt denselben Gesetzen unterworfen waren wie die Weiber; diese durften auch weder mit den Männern noch von deren Speisen essen, sondern besassen eigene Pflanzungen zu ihrem Privatgebrauche. Wilson hebt besonders hervor, dass die Polynesier „ungeachtet dieser und anderer bei ihnen im Schwange befindlicher Laster* in Gegenwart der Engländer niemals, weder in Geberden noch Handlungen, irgend etwas Anstössiges begingen.

Tahiti oder Otaheiti hatte eine Klasse von Männern, welche sich in Weibertracht kleideten, weibliche Be- schäftigungen aufsuchten, in Betreff ihrer Ernährung und dergleichen denselben Einschränkungen unterworfen waren wie die Frauenspersonen und gleich diesen die Gunst der Männer zu gewinnen strebten; sie zogen dabei die Männer allen anderen vor, welche mit ihnen zu- sammen lebten und auch ihrerseits allem Umgange mit Weibern entsagten. Solche Männer hiessen Mahhus (Mahoos). Dieselben erwählten die angedeutete Lebens- weise schon in früher Jugend. Da zur Zeit Wilson's nur 6 bis 8 Mahhus vorhanden waren, so wurden diese vorzugsweise von den vornehmsten Anführern begehrt und gehalten. Selbst von den Weibern wurden diese Menschen nicht verachtet, sondern beide lebten mit ein- ander in Freundschaft. Wilson (318) hatte einen sach- kundigen Begleiter gebeten, dass, wenn ein Mahhu auf ihrem Wege sich blicken Hesse, er denselben ihm zeigen möchte, und so bekam er einen in dem Gefolge des Häuptlings Pomärre zu sehen; der Mahhu ging wie ein Weib gekleidet und ahmte die Stimme und jede Eigen- heit des Weibes nach. Als Wilson den Häuptling

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P o m ä r r e fragte, wer jener sei, antwortete dieser : ,Taata, mawhuV d. h. ein Mann, ein Mahhu, und als Wilson seinen Blick auf den ,Kerl** heftete, verbarg dieser sein Gesicht; anfangs legte der Unkundige dieses als Scham aus, bald aber erkannte er, dass es ein Weibertric sein solle (Wilson 818—319). Diejenigen Männer auf Tahiti, welche nicht reich an Zeugen, an Schweinen oder an englischen Artikeln waren, mit denen sie ein Weib sich hätten erkaufen können, mussten ohne ein solches sich behelfen; das führte nun zwar nicht zur Enthaltsamkeit, wohl aber dahin, dass sie in erschreckendem Maasse Onanie trieben, welche sie nachher unfähig machte, Weibern bei- zuwohnen — aber Wilson lehnt es ab, alle „Verbrechen dieser Art", welche bei den Tahitiern vorkamen, mitzu- teilen, da sie ^zu entsetzlich* seien (311), und will lieber einen Schleier über Gewohnheiten decken, die „zu scheuss- lich* wären, als dass man ihrer erwähnen könnte (319). Turnbull sah (282—283) Anfangs des 19. Jahrhunderts zwei Mahhus, den einen im Gefolge Pomärre's, den anderen, wie er an TurnbulPs Wohnung vorüberging- Die „Gottlosigkeit* dieser Menschen schien ihm gross ge- nug, um das unmittelbare Gericht des Himmels auf sie herabzurufen; er glaubte, Gottes Hand sei unter ihneui schon sichtbar, und die Tahitier würden, wenn sie sich nicht änderten, unter der Zahl der Nationen nicht mehr lange verbleiben; das Schwert der Krankheit sei nicht minder wirksam als die Wasser der Sündflut! Tum- bu 11 (282) bestätigt mit Genugthuung Wilson 's Angabe, dass den Mahhus Gunst fast nur von Seite der Häupt- linge zu Teil werde. Der Kronprinz Otoo, Sohn Po- m ärre's, sei ein „Ungeheuer von Ausschweifung** gewesen: und seine „Laster spotteten aller Beschreibung*. Ellis traf gegen 1830 ähnliche Verhältnisse an; er weist aber nur auf sie hin, ohne sie genau zu bezeichnen; er wünscht alles in Dunkelheit zu lassen, so dass man

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nie recht weiss, was er eigentlich meint. Es herrschten nach ihm auf Tahiti „unnatürliche Gebräuche*, für deren j^usübung man nicht nur die Sanktion der Priester fand, sondern Qogar auf das direkte Beispiel einer Gottheit als vorbildlich hinweisen konnte (Ellis I 340; Moeren- h out II 168; Waitz-Gerland VI124; Müller 301). Die Schilderung, welche der' Apostel Paulus (Römer 1, 27) von den Heiden gebe, passe vollkommen auch auf die Tahitier (Ellis II 25). Unter den späteren christlichen Gesetzen in Huahine befand sich eins, das XVI., welches ^unnatürliche Verbrechen" (,unnatural crime') betraf und lebenslängliche Verbannung oder siebenjährige ununter- brochene schwere Arbeit als Strafe über den verhängte, welcher ihrer Verübung schuldig befunden wurde (Ellis II 432). Moerenhout kann (I 229—230) nicht umhin, seiner Verwunderung über die naive Unbefangenheit Ausdruck zu geben, mit welcher diese aller Verlogenheit * baaren Naturmenschen, die Tahitier, Männer, Frauen und Kinder, über alles sich aussprachen, jedes Ding beim richtigen Namen nennend; sie kannten eine Ausschweifung, die ihnen verwerflich schien, überhaupt nicht; sie fanden in ihren Vergnügungen weder Regel noch Maass; es gab für sie weder Schande noch Tadel, und Verbrechen existierten nicht für sie. Schneider (I 278 279) meint. Turnbull habe die Mahhus richtig als ,monster' be- zeichnet, ein Ausdruck, den er mit ,Ungeheuer^ übersetzt und acceptieft; £.atzel (I 177; 257) dagegen findet, dass von den Ausschreitungen bei den Tahitiern viel dem gesamten Kulturzustande der Polynesier zuzuschreiben sei und dass vorzugsweise Leichtsinn und Müssiggang die Bedingungen seien, welche die , geschlechtlichen Zügel- losigkeiten", besonders der oberen Klassen, „ins Unglaub- liche* hätten ausarten lassen. Siehe Ulrichs Memnon 07.

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m. Die amerikanischen Naturvölker oder Indianer.

Ein genauer Kenner der amerikanischen Völker- gruppe aus persönlicher Anschauung, Eduard Pöppig, erklärte 1840 (374—375): dass die »Verirrungen^ des Geschlechtstriebes unter den Indianern, von denen be- sonders die älteren Schriftsteller viel erzählten, nicht in Abrede zu stellen seien; sie kämen ebenso unter sehr rohen und in Mangel lebenden Horden wie bei denjenigen vor, welche in der entgegengesetzten Lage sich beränden; man begegne ihnen in Canada, auf den Bergen von Quito und in den Wäldern von Amazonas und Paraguay. Diese Richtung im Geschlechtsleben bei den Urbewohnern Amerikas erscheint um so auffallender, als derselbe Ge- währsmann die vielerorts ausgesprochene Behauptung zu- geben zu müssen glaubt, die Indianer legten im Allge- meinen weniger Neigimg zmn geschlechüichen Umgange an den Tag als andere Menschenracen; unter Berufung auf Hennepin und Falkner legt Pöppig dar, dass dieselbe Erscheinung an den beiden End^ Amerikas, in Louisiana und in Patagonien, beobachtet worden ist. Wilhelm Robertson (Geschichte von Amerika, aus dem Englischen von Johann Friedrich Schiller, 2 Bände, I, Leipzig 1777, S. 335 340) suchte einen Zusammen- hang der schwächeren geschlechtlichen Begierden der Indianer mit äusseren Verhältnissen ihrer Heimat nach- zuweisen; jedoch steht damit der ausgesprochene Trieb zur Päderastie in schreiendem und anscheinend unlös- lichem Widerspruche. Den , Fluch der Unfruchtbarkeit" hebt auch Martins (1832,27) hervor.

Eine seltsame Erscheinung unter den Indianern sind nach Klemm (II 82) die Mannweiber, die unter allen nordamerikanischen Indianerstämmen und seit den Zeiten der ersten Entdeckung auch im Süden von Amerika sich finden.

Nach Mantegazza (105) sieht man von Alaska bis

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Darien als Frauen erzogene und gekleidete Jünglinge, die mit den Fürsten und Herren im Konkubinat leben. Nach Katze 1 (I 555; 562 563) scheinen Männer in Weiber- tracht, „verweibte Männer", kaum einem Stamme Nord- amerikas gefehlt zu haben; sie standen in Nordamerika den Priestern nahe, wurden aber in Brasilien gering ge- achtet.

Die Kenntnis der Mannweiber allein ist indessen nicht ausreichend, ein klares Bild von der unter den In- dianern verbreitet gewesenen und noch herrschenden Päderastie zu liefern. Hennepin unterschied bereits 1697 drei Formen von Männern, welche mit mannmänn- licher Liebe in Zusammenhang gebracht werden mussten, nämlich 1. Hermaphroditen, d. h. Zwitter, Personen mit angeblich männlichen und weiblichen Geschlechts- organen, 2. Männer von weiblichem Aussehen, die sich mit weiblichen Arbeiten beschäftigten und weder auf die Jagd gingen noch als Krieger in den Krieg zogen; sie unterschieden sich von den Hermaphroditen dadurch, dass sie bloss als Männer galten; endlich 3. Männer, welche sich anderer Personen männlichen Geschlechts, unter ihnen auch der Männer von weiblichem Aussehen, zur Befriedigung ihres Geschlechtstriebes bedienten. Die Hermaphroditen aber wurden wohl mit Unrecht von den Männern mit weiblichem Aussehen scharf getrennt ge- halten und dürften höchstens einen Unterschied im Grade der Verweiblichung (Effemination) geboten haben, was denn auch von Co real (33 34) am Ende des 17. Jahr- hunderts unbedenklich angenommen wird. Eine kurze Uebersicht über die Geschichte dieser Effeminierten ge- bietet indessen, sie vorläufig auseinander zu halten.

1. Die Hermaphroditen. Wenn man den zahl- reichen Schriftstellern, welche Hermaphroditen oder Zwitter unter den Indianern gesehen oder von solchen gehört haben wollen oder die Angaben anderer über sie

Jahrbuch III. 8

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in gutem Vertrauen hinnahmen, Glauben schenken wollte, so müsste die neue Welt nicht nur zur Zeit, als sie ent- deckt wurde, solche mit mehr oder weniger vollkommenen Zeugungsorganen der beiden Geschlechter ausgestattete Wesen in grosser Menge hervorgebracht haben, sondern müsste auch noch jetzt von derlei Geschöpfen wimmeln und ein Dorado für den Anatomen sein. Wenn jedoch, was selten geschah, an einem solchen hypothetischen Wunder einmal eine Ocularinspektion vorgenommen wurde, so stellte es sich jedesmal als einen normal ge- bauten Mann heraus, welchem weibliche Formen, Be- wegungen und Triebe anhafteten, so dass es nicht um einen rein somatischen, wie man vermutete, sondern um einen psychophysischen Hermaphroditismus sich handelte. Hermaphroditen in grosser Zahl sollten besonders die nordamerikanischen, von vielen Indianerstämmen be- wohnten Gebiete Florida und Louisiana zur Zeit ihrer Unterwerfung unter europäischen Besitz beherbergt haben; ihr Vorkommen in Florida behauptete anscheinend zu- erst 1586 Laudonnifere (ed. 1853, 9) und 1591 le Moyne (4), später, 1717 Dapper (56) und 1744Charle- voix (127); eine ausführliche Abhandlung über die Hermaphroditen von Florida verfasste 1769 Pauw: ^Des Hermaphrodites de la Floride* (II 83 117), in der er die Sage von ihnen für Gewissheit ihrer Existenz nahm und eine Erklärung für sie zu geben versuchte ; der un- gläubige Zimmermann (V 70 71) entschuldigt ihre Erwähnung lediglich mit dem Ansehen, in welchem Pauw stehe, und meint, Pauw habe sich von dem Wunsche leiten lassen, durch ihre Hermaphroditen die Ausartung der Amerikaaer noch deutlicher bewiesen zu sehen; er giebt verschleiert der Ansicht Ausdruck, dass es bei den Hermaphroditen nur um als W^eiber ver- kleidete und gezierte Mannspersonen sich gehandelt habe. Ganz ohne Bedenken äussert Schneider ([ 288),

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der Elfer, mit welchem Pauw „diese Kinäden* zu Her- maphroditen umzustempeln gesucht habe, könne ihm nur ein Lächeln abnötigen. Lafitau (I 53) vermochte 1724 in den Hermaphroditen nur effeminierte Männer zu er- blicken, deren Wesen er mit der griechischen Liebe in Verbindung bringt und idealisiert, und auch Bruzen La Martini ^re (93) schliesst sich 1726 ganz an Coreal an, nach dem diese angeblichen Hermaphroditen eben nichts als effeminierte Männer waren, welche, wie Coreal (34) hinzufügte, in gewissem Sinne ja auch wirkliche Hermaphroditen sind („qui en un sens sont de veritables Hermaphrodites**, der Wortlaut, den La Martinifere von Coreal übernimmt). Dumont (247 249) mochte 1753 zwar nicht behaupten, dass es in Louisiana Herma- phroditen unter den Indianern nicht gegeben hätte, da nach fast allen Schriftstellern dieses Land voll von solchen Leuten gewesen sein solle; allein er ver- sichert seinerseits, auf seinen weiten E.eisen in jenem Lande nicht einen einzigen Hermaphroditen angetroffen zu haben; er glaube, die Fabel von ihnen beruhe aut einer Verkennung der Aufseher der Frauen bei den Natchez und anderen Stämmen, welche nicht nur ihr Haar lang trugen und in weiblicher Tracht einhergingen, sondern den Barbaren wahrscheinlich auch zur Befriedig- ung ihrer Lüste gedient hätten, wenn sie selbe auf deren Jagd- und Kriegszügen, die unter Zurücklassung der Frauen vor sich gingen, begleiteten. Nicht ohne wesent- liches Interesse ist übrigens, dass in Louisiana auch die in den Tempeln auf Fellen schlafenden Priester in weib- licher Tracht erscheinen mussten (Bastian III 309).

Eine von einer Kupfertafel begleitete Schilderung der Thätigkeit der Hermaphroditen in Florida Hegt vor von Jacobus le Movne 1591; eine nach einem etwas verkleinerten photographischen Abdruck dieser Kupfer- tafel (Fol. XVII) hergestellte Textabbildung wurde der

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vorliegenden Abhandlung beigefügt ; die Hermaphroditen sind hier in langem Haare, als Pfleger ihrer erkrankten Landsleute, die sie teils auf dem Rücken, teils auf Bahren in die für Kranke bestimmten Pflegestätten tragen, dar- gestellt. Diese Hermaphroditen, von kräftigerer und mehr ausdauernder Konstitution als die Weiber, wurden nach le Moyne in Florida als Träger von Lasten aller Art beschäftigt; besonders trugen sie den in den Krieg ziehenden Häuptlingen deren Gepäck nebst Speisevor- räten; die durch Verwundung oder Erkrankung Kampf- unfähigen schafllen sie vom Platze, die Toten auf die Grabstätte; von ansteckenden Krankheiten Befallene brachten sie an abgelegene Orte und pflegten sie dort bis zu ihrer Genesung.

Nach de Lahontan (142) gab es bei den Illinois ausser notorischen Päderasten noch Hermaphroditen, welche beider Geschlechter ohne Unterschied sich bedienten („mais ils fönt indifl*(^remment usage de deux sexes"), eine Behauptung, welche wohl nur auf Vermutung be- ruht. Ross Cox schilderte (169 171) seine seltsame Be- gegnung mit einem „hermaphroditischen " Häuptlinge der Kettle-Indianer; 1814 spricht de la Salle (283) von Hermaphroditen bei den Illinois als einer Wirkung des Klimas ihres Heimatlandes, und auch noch im vorletzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ist von sogenannten Herm- aphroditen unter den Indianerstämmen Nordamerikas im Osten und Westen des Felsengebirges seitens einiger Aerzte im Dienste der Vereinigten Staaten die Rede (Holder 623). Holder selbst hat einen im Absaroke- Stamme lebenden jungen Indianer, der weiblich gekleidet ging und den er deshalb für hermaphroditisch hielt, nach dem Vorgange Hammond's körperlich genau unter- sucht und zu seiner Ueberraschung als durchaus normalen Mann befunden; mehrere Jahre hatte die junge Rothaut als weiblicher Teil, wie man sagte, einer ehelichen Gemein-

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Schaft mit einem wohl bekannten männlichen Indianer des Absaroke-Stammes zusammengelebt (Holder 624); Holder lüftet auch den Schleier über den unter den Päderasten des Absaroke-Stammes üblichen Akt der ge- schlechtlichen Befriedigung: es wird der Penis statt in den Mastdarm^ den Mund eingeführt. Wenn Holder auf Grund dieser Befunde das Vorkommen der Päderastie bei den Indianern in Abrede stellt oder als einen selteneren Vorgang bezeichnet, so ist das nur ein ungenauer Ausdruck; die Päderasten unter den Indianern geben der Irrumation und Fellation als Befriedigungsakt den Vorzug (während, wie sich später zeigen wird, bei den Itelmen die Pädi- kation ausgeübt zu werden pflegt),

2. Die verweibten Männer oder Effemi- nierten. Von verweibten Männern unter den Indianern handelte bereits 1555 Cabe9a de Vaca (fol. 36 am Schlüsse; ferner ed. 1852, 537 538); er scheint sie für Impotente angesehen zu haben. Wie weibliche Personen von so männlicher Herzhaftigkeit, dass sie sich sogar aus dem Kriegshandwerk eine Ehre machten, unter den In- dianern gefunden wurden, so gab es auch andererseits Mannspersonen, welche sich wie Weiber kleideten. Bei den Illinois, den Sioux, in Florida, Louisiana und Yucatan lebten junge Männer in Weibertracht, die sie dann zeitlebens beibehielten; sie hatten Gefallen an weiblichen Beschäf- tigungen, verheirateten sich niemals mit Weibern, zogen nicht in den Krieg, wohnten aber mit Vorliebe religiösen, auf das Gemüt wirkenden Zeremonien bei. An vielen Orten erlangten sie dadurch ein Ansehen, welches sie als einem über den gemeinen Mann erhabenen Stande ange- hörig betrachten liess (Lafitau I 52 54; Baum- garten I 25 26; Marquette 52—53). Martins (1832, 27 28) ist nicht geneigt, die Männer, welche sich als Weiber kleideten, sich ausschliesslich weiblichen Be- schäftigungen widmeten, spannen, webten, Geschirre an-

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fertigten u. dergl., als eine besondere Klasse anzusehen; ,dass diese Sitte so seltsam travestierter Männer^ welche vorzugsweise und zuerst von den Illinois, den Sioux und anderen Indianern in Louisiana, Florida und Yucatan be- richtet worden, so fem von jenen Ländern, auch im süd- lichen Brasilien wieder erscheint, ist um so merkwürdiger ^Is überhaupt das Wesen und die Bestimmung solcher, Mannweiber ein Räthsel in der Ethnographie Amerikas ausmacht. Uebrigens scheinen alle Berichte darin über- einzustimmen, dass die Mannweiber bei den Indianern in geringer Achtung stehen. Von einem besonderen Kultus oder einer Ordensverbrüderung findet man keine Spur. Es ist mir daher wahrscheinlicher, dass sie mit der so tief eingewurzelten Sittenverderbnis der Indianer zusammenhängen, als dass man von ihnen auf eine Seilte von Entsagenden und sich in freiwilliger Demut Er- niedrigenden schliessen, oder, wie Lafitau gethan, in ihnen Priester der Dea syria, wenn gleich in tiefster Aus- artung, erkennen dürfte (Martins 1832, 28; 1867, 74—75). Die Männer, welche sich gleich Weibern kleideten und alle Geschäfte der Weiber besorgten, wurden von den jungen Männern förmlich wie Weiber behandelt, lebten auch in einem gewissen „unnatürlichen Umgange* mit ihnen; der alte Charbonneau, nachdem er 37 Jahre im Osten des Felsengebirges geweilt hatte, behauptete sogar, dass in dieser Hinsicht die Mannweiber der Canadier den Weibern vorgezogen würden; während Prinz Maximilian zu Wied in Nordamerika weilte (1832 bis 1834), sollen sich nicht viele solcher Geschöpfe in den von ihm besuchten Indianerstämmen befunden haben, unter den Mandan's nur ein grosser, taubstummer Mann und unter den Mönnitari's zwei bis drei solcher Individuen (W ied n 133); Wied giebt (II 133, Fussnote) ausdrück- lich an, dass der Gebrauch der Mannweiber für die In- dianerstämme der Sank's, Foxes, Mandan's, Mönnitari's

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Crow's, Blackfeet's, Dakota's, AssiniboiD's, Arrikkara's und die meisten Nationen des innern Nordamerika erwiesen sei, mit Ausnahme allein der Menomonie's (Folles avoines) und der Ottäwa's (Courtes oreilles). Das Lebensalter, in welchem diese männlichen Indianer zuerst ihr Geschlecht verleugnen, indem sie ihren Körper in weibliche Kleidung hüllen, ist nicht stets das gleiche. Bisweilen geschieht es schon sehr früh, im kindlichen Alter, aus unbekannten Gründen (Marquette 62); manche Väter haben dann ihre Kinder von ihrem Vorhaben abzubringen gesucht, ihnen zugeredet, auch schöne Waffen und männliche Kleidungsstücke ihnen dargeboten, ihnen Gefallen an männlichem Treiben einzuflössen sich bemüht, und wenn nichts fruchtete, eine Sinnesänderung mit Strenge und Gewalt herbeizuführen versucht, ja die Knaben gezüch- tigt und geprügelt, ohne zum Ziele zu kommen (Wied II 133). In anderen Fällen nehmen Indianer erst im vorgerücktem Mannesalter diese Metamorphose vor; sie erklären alsdann, dass ein Traum oder eine höhere Ein- gebung ihnen dieselbe als Medizin oder als ihnen zum Heile anempfohlen habe und sie beharren ohne Be- denken bei ihrem Entschlüsse, welcher ihnen zwar eine gewisse Verachtung zuzieht, aber dennoch dem ganzen Stamme als heilig gilt. So ersetzte ein gefeierter Krieger des Otoe-Stammes, einem Traume folgend, seinen Krieger- schmuck durch ein Weiberkleid, wie John T. Irving (207 212) in einem besonderen Kapitel «The Metamor- phosis" ausführlich geschildert hat. Von dem starken Einflüsse ihrer lebhaften Phantasie auf ihr äusseres Leben legt auch die Erzählung eines Sauk-Indianers Zeugnis ab, nach der ein Mann, dem die böse Gottheit in Gestalt des Mondes erschiene, sich als Weib kleiden und als solches sich hingeben müsse („become cinaedi* Keating I 210 —211). Auch erzählen nach Wied (II 133) die In- dianer eine Fabel, an welche sie glauben: Man wollte

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einst einen Mann zwingen, die Weiberkleidung nicht an- zulegen; ein ausgezeichneter Krieger bedrohte ihn; es kam zu heftigem Streite, in dessen Folge das Mannweib, von einem Pfeile tötlich getroffen, zusammenbrach : statt seiner Leiche jedoch fand man am Boden einen Haufen von Steinen und zwischen ihnen den Pfeil. Seitdem mischt sich niemand mehr in diese Angelegenheit, die man viel- mehr als von höheren Mächten eingesetzt und geschützt ansieht. Männer in Weiberkleidung unter den Indianern werden aber auch noch sonst vielfach erwähnt, so von Bossu, Bemal Diaz, Duflot de Mofras, Dumont, Falkner, Lopez de Gomara, Hennepin, de Herrera, James, Peter Martyr, Mc Coy, Mc Kenney, Oviedo, Perrin du Lac, Piedrahita, Ramusio, de la Salle, Tanner; fast alle diese Schrift- steller haben aus eigener Anschauung berichtet, während andere, wie Bastian, Man tegazza,Peschel, Ratzel, Schneider, Schnitze, Schurtz und nament- lich Theodor Waitz das ihnen bekannt gewordene Quellenmaterial zusammenstellten. Die Männer